Schwankende Pfeiler
24.09.2008 von Hermann Achenbach
Kürzlich las ich in der Juniausgabe der Zeitschrift GEO über
die Frage, ob wohl Gott oder die Physik die Welt zusammenhalte. Die
Frage blieb, wie zu erwarten, wieder einmal unbeantwortet.
Kurz gefasst wurde dort dargestellt, dass die Wissenschaft heute von
"unveränderlichen" Naturkonstanten ausgehe, so zum Beispiel
von
* der Gravitation (Anziehungskraft der Körper),
* der Lichtgeschwindigkeit,
* der Alpha-Konstante, die die Feinstruktur der Atome beschreibt.
Erwiese es sich, dass eine der Konstanten veränderlich wäre
oder würde, bräche das uns bekannte System der Natur
auseinander, wie zum Beispiel
* die Atomstruktur,
* die Bestehensphysik der Erde,
* das Zusammenspiel der Planeten mit der Sonne,
* der Mechanismus des Alls.
Erhöhte sich beispielsweise die Gravitationskonstante, so zöge
sich die Erde zusammen und verfiele in eine engere Umlaufbahn um die
Sonne. Die Temperatur erhöhte sich und die Weltmeere verdampften.
Der Mond rückte näher an die Erde und erschiene uns als
riesige Scheibe am Firmament, wenn wir dann überhaupt noch
existierten. Die Sonne verlöre sehr schnell ihre Energie, mit
extremen Folgen.
Veränderte sich die Alphakonstante, bräche die
Kohlenstoffsynthese zusammen. Ohne Kohlenstoff gäbe es keine
Eiweiße, keine Erbsubstanz und damit kein Leben, wie wir es kennen.
Neuerdings wollen australische Wissenschaftler durch Vergleichsanalysen
von Quasar-Licht aus dem Urbeginn der Existenz des Universums
festgestellt haben, dass sich die Alphakonstante minimal verändert
habe. Entsetzen und Verwirrung auf der ganzen Linie ... Schwanken die
Pfeiler des statischen Weltbildes? Sollten doch die alten Griechen recht
haben: Alles fließt?
In der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion befindet sich eine
Vielzahl von theoretischen, mathematischen und experimentellen Modellen.
Sehr beliebt ist die String-Theorie, die besagt, dass nicht kleinste
"Bausteine" Basis unserer bekannten Welt sind, sondern
unvorstellbar kleine "Energiefäden", die so genannten
Strings. Sie vibrieren in unterschiedlicher Intensität und bringen
Phänomene hervor, die wir als Lichtpartikel, Proton oder Elektron
interpretieren. Dies findet, der String-Theorie gemäß, in
einem zehndimensionalen Raum statt, der für uns nicht vorstellbar
ist. Wir kennen soeben den dreidimensionalen Raum mit der 4. Dimension,
dem Zeitfaktor. Und bereits dieses Zusammenspiel begreifen wir kaum.
Sollten die weiteren Dimensionen sechs uns unbekannte Universa sein?
Auf unserer vierdimensionalen Welt, so GEO, seien nur die Folgewirkungen
der restlichen sechs Felder vorstellbar. Sie fallen wie Schatten auf die
vier bekannten Dimensionen. Man könne sich davon vielleicht ein
Bild machen, wenn man sich vorstellt, dass wir uns vor einer
Projektionsleinwand befinden und hinter uns stehende Projektoren
Silhouetten oder Schatten der sechs unbekannten Gebiete auf die 4-D-Welt
werfen. Ändert sich eine Konstante, so nehmen wir entsprechende
Schattenwirkungen wahr. Es scheint, als würden die Projektoren in
eine andere Konstellation zu unserer Wahrnehmung gebracht, so dass sich
die Projektionen "verzerrt oder weniger verzerrt" darstellten.
Welche Interpretationsvielfalt eröffnet sich hier wohl?
Aber erinnert dieses Bild nicht ungemein an Platons
Höhlengleichnis, in dem Realitäten den Höhlenbewohnern
ebenfalls als Projektionen auf der Höhlenrückwand erscheinen?
Wenn wir die Wirklichkeit wahrnehmen könnten, die uns lediglich als
Projektionen "vorgespielt oder vorgespiegelt" werden,
gelänge es uns dann, die Wahrheit oder einen Teil der Wahrheit
wahrzunehmen? Wir müssten uns in der Höhle umwenden oder, im
String-Modell betrachtet, von der Projektionswand abwenden und die
Realität hinter uns ergründen...
Weist die String-Theorie wirklich auf Dimensionen hin, die der
"modern" denkende Mensch nicht wahrhaben will, weil sie unser
gut gefügtes Weltbild fraglich werden lassen? Sind unsere
wissenschaftlich verketteten Theorien nicht vielleicht doch
abhängig von Kräften aus anderen Dimensionen, kosmischen
Gebieten, Universa, "Himmeln"? Wollen wir nicht akzeptieren, was
unter Umständen auf der Hand liegt, was aber nicht sein darf, weil
unsere Ketten gesprengt würden!? Unser Weltbild stürzte ein
und die Investitionen der Vergangenheit wären in Frage zu stellen
und so manches sichere Projekt in seiner Existenz obsolet. Vielleicht
sogar unsere eigene Existenz auf diesem Planeten? Fragen über
Fragen ...
Ist religiöses, philosophisches oder esoterisches Denken vielleicht
doch hilfreich und eventuell sogar realistisch? Könnte es sein,
dass Platon und die Quantentheoretiker vom gleichen Thema sprechen?
Gemälde: Detail aus alchemisches Weltbild von Bettina Runge