Vision, Erkenntnis und moderne Physik
von Heiko Haase
Kürzlich hörte ich einen Vortrag des Physikers Hans-Peter
Dürr. Er zeichnete die Geschichte nach, die zu den immer kleiner
werdenden Teilchen der subatomaren Physik führte. Einige Gedanken
daraus, die mich besonders berührten, möchte ich wieder geben:
Die Erscheinungen unserer sichtbaren Welt wurden von der klassischen
Physik auf die beiden Eigenschaften "Form" und "Materie"
zurück geführt. Auf dem Weg in die subatomare Welt versuchte
man, ebenfalls Form und Materie zu unterscheiden. Man war davon
überzeugt, dass die Materie das Grundlegendere sei und die Form
irgendwann verschwinden würde. Die Überraschung war groß,
als man feststellte, dass es umgekehrt war. Die Materie löste sich
plötzlich auf und die Form blieb übrig. Mit Faszination und
Erstaunen standen die Physiker vor einem sich ständig wandelnden
Etwas, aus dem sich die gesamte Welt entwickelte und in das die Welt
auch immer wieder zurück fiel. Die Materie erschien nur noch als
Äußerung verschiedener Gleichgewichtszustände.
Grundlage dieser Gleichgewichtszustände - und das ist das
Frappierende - ist die Erfahrung des Menschen. In unsere sichtbare Welt
übertragen, kann man als Beispiel anführen: Dadurch, dass wir
wissen, dass ein Tisch eine gewisse Form und Festigkeit hat, erfahren
wir ihn auch immer wieder in dieser Form und Festigkeit.
Die Physiker erfuhren die Rolle des Beobachters im Experiment auf ganz
neue Weise. Das Bewusstsein des Beobachters bestimmt, was er wahrnimmt.
Das ist eine grundlegende Änderung der Weltsicht. Das System der
klassischen Physik erschuf das Bild einer Realität, die eine
gewisse Sicherheit vermittelt. Sie veranlasste uns zu bestimmten
Aussagen über die Welt und das Leben. Heute können wir sagen,
dass die so beschriebene Realität nur eine Art Mittelmaß
darstellt, bei dem alle Extremwerte eliminiert sind. Die Wirklichkeit
enthält darüber hinaus noch eine große Bandbreite von
Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten.
So entstehen Visionen und Erkenntnis als Spiegelbilder des umfassenden
Spektrums der Wirklichkeit. Wir können hiervon ergriffen werden,
wenn wir uns in einem Zustand maximaler Instabilität befinden, also
jenseits unseres Mittelmaßes. Dann löst sich unsere bisherige
Persönlichkeitsstruktur auf und gibt den Blick frei auf bislang
unbekannte Bereiche der Wirklichkeit. Wir treten in das Leben ein und
sterben im selben Moment einen kleinen Tod. Die Erfahrungen, die wir
dabei machen, lassen sich nur andeutungsweise weiter geben, es sei denn,
ein anderer kann auf ähnliche Erfahrungen zurück greifen.
Solche Zustände höchster Instabilität haben einen stark
verändernden Einfluss auf das, was wir gewohnt sind, "Ich"
zu nennen.
Ein Mensch, der wirklich im Moment lebt, erfährt die lebendige
Wirklichkeit umfassender. Er wird durch sie immer wieder spontan in
Zustände der Instabilität gebracht. Hans-Peter Dürr zog
in seinem Vortrag als Beispiel auch unsere Atmosphäre heran. Sie
kann unter bestimmten Umständen in ein so hoch empfindliches
Gleichgewicht gelangen, dass ein Schmetterling einen Hurrikan
auslösen kann. Das gleiche gilt auch bei einem Menschen. In einem
momentanen seelischen Ungleichgewicht können wir etwas von der
Wirklichkeit erfahren, das weit über unseren bisherigen Horizont
hinaus geht.
Ein Beispiel dafür finde ich im Corpus Hemeticum im Buch
"Poimandres", einem Text aus der altägyptischen Weisheit.
Dort heißt es:
"Hermes
Einmal, da ich die wesentlichen Dinge betrachtete und mein Gemüt
sich erhob, da verschlummerten die Sinne meines Leibes ganz und gar,
gleich wie einer, der von Speise überladen oder von Arbeit
müde mit dem Schlafe überfallen worden. Und es kam mir vor,
als ob ich jemanden sah, der sehr gross und von einer unendlichen
Länge, nannte meinen Namen und zu mir sprach:
Poimandres
Was willst du hören und sehen und was ist, das du in deinem
Gemüte gedenkest zu lernen und zu erkennen?
Hermes
Ich sprach, wer bist du?
Poimandres
Er sprach, ich bin Poimandres, das Gemüt des von sich selbst
bestehenden Wesens, ich weiss, was du begehrest und bin überall mit
dir.
Hermes
Ich sprach, ich begehre die wesentlichen Dinge zu lernen, derselben
Natur zu verstehen und zu erkennen.
Poimandres
Wie?
Hermes
Ich sprach, ich will's hören. Darauf sprach er, halte mich
wiederum in deinem Gemüte, so will ich dich lehren dasjenige, das
du untersuchen willst.
Hermes
Nachdem er solches hatte gesagt, verwandelte er seine Gestalt und von
Grund an wurde mir alles in einem Augenblick eröffnet und ich sah
ein unendliches Gesicht. Es wurde alles zu einem Licht, welches sehr
lieblich und erfreuend war und ich erfreute mich in dem Anschauen.
Kurz darauf entstand in einem Teile eine Finsternis, die sich davon
niederwärts abschied, sie war erschrecklich und traurig, welche
sich in einer Krümme schloss, dabei mir deuchte in dem Anschauen,
dass dieselbe Finsternis würde verändert in eine feuchte und
unaussprechlich verwirrte Natur, welche einen Rauch als vom Feuer und
ein unaussprechlich betrübt Geläut von sich gab.
Darnach brach aus derselben feuchten Natur hervor eine undeutliche
Stimme, die ich hielt für die Stimme des Lichtes. Aus dem Lichte
stieg noch ein heiliges Wort auf die Natur: Und das reine Licht erhob
sich aus der feuchten Natur in die Höhe, dasselbe war leicht,
durchdringend und mächtig. Die Luft, die auch leicht war, folgte
dem Geiste und fuhr auf von der Erden und dem Wasser bis an das Feuer,
so dass es war, als ob sie über dasselbe hingehe.
Die Erde und das Wasser blieben untereinander vermengt, so dass die
Erde wegen des Wassers nicht gesehen wurde und sie wurden bewegt durch
das geistige Wort, welches oben über schwebte."
Weitere Texte des Corpus Hermeticum unter:
http://www.hermetik.ch/ath-ha-nour/site/hermetikschrift.htm
Erläuterungen: Jan van Rijckenborgh, Die ägyptische Urgnosis
und ihr Ruf im ewigen Jetzt, Rozekruis Pers, Haarlem
Gemälde: Ulla Schreiber Detailansicht