Denken im Sommer
28.07.2010 von Christa Zuch
Sommerabend am Chiemsee
Es ist Sommer! Wie lange haben wir ihn herbei gesehnt mit all dem, was
er uns schenkt!
Da ist die Fülle der Blumen mit ihren vielerlei Düften, die
Amsel singt ihr Abendlied und begrüßt den dämmernden
Morgen. Ein Morgen mit blauem Himmel, an dem weiße Wolken ihre Wege
wandern. So luftig und leicht kann jetzt die Kleidung sein und unsere
nackten Füße, mit denen wir über das Gras gehen, sagen
uns: Es ist Sommer.
Wenn nicht diese Hitze wäre! Sie macht uns träge und schaltet
das Denken aus. Wir aber wollen denken, denkend die Welt und uns selbst
wahrnehmen. Dazu sind wir doch da! Wie sagte einst der Philosoph
René Descartes nach Zeiten seines Zweifelns an der eigenen
Erkenntnisfähigkeit? "Cogito, ergo sum" (Ich denke, also
bin ich). Und er begründete die Richtigkeit dieses Prinzips:
"Indem wir alles nur irgend Zweifelhafte zurückweisen und
für falsch gelten lassen, können wir leicht annehmen, dass es
keinen Gott, keinen Himmel, keinen Körper gibt, dass wir selbst
weder Hände noch Füße, überhaupt keinen Körper
haben - aber wir können nicht annehmen, dass wir, die wir solches
denken, nichts sind; denn es ist ein Widerspruch, dass das, was denkt,
nicht bestehe. Deshalb ist die Erkenntnis: "Cogito, ergo sum"
von allen die erste und gewisseste".
Ich bin ... Doch die Hitze macht mein Denken träge. Müssen wir
denn unbedingt denken? Denken ist allzu schnell mit Kritik verbunden,
mit versteckter Überheblichkeit, führt leicht zu der in
unserer Zeit oft schmerzhaft empfundenen Isolierung von einander. Warum
können wir uns nicht einfach unseren Gefühlen hingeben? Einem
Fühlen, das all die uns geschenkten Sommerherrlichkeiten voll
Freude wahrnimmt, einem Fühlen, das uns auch nach Innen lauschen
lässt. Einem Innehalten, damit die Entwicklung, auf die wir keinen
wesentlichen Einfluss haben, sich so vollziehen kann, wie es sein
sollte. Im Innehalten lässt sich erkennen, wohin die weitere Reise
unseres Lebens gehen könnte. Innehalten kann ein äußerst
dynamischer Prozess sein. Er lässt die rechte Richtung erkennen.
So geschieht es, dass ich etwas mit meinem Gefühl erkenne. Ich
erspüre einen Gedanken, der mir ein Ziel meines Daseins vor Augen
führt, ein anderes Menschsein. Er kommt nicht aus dem Verstand,
sondern steigt aus der Tiefe auf. Ich ahne: Er birgt ein anderes
Bewusstsein in sich, eine andere Seele, ein anderes "Ich bin".
Bin ich bereit, ihn an meine Stelle treten zu lassen? Er trägt
Wärme in mein Herz, entfaltet sich in einem leuchtenden Feuer, das
er in mir erzeugt hat. Ein anderer Sommer, eine andere Sonne. Sie lassen
etwas wachsen, das alle Grenzen übersteigt. Aus einer Erde, die
mein Gefühl ist. Es ist weit offen, ruhig, nüchtern, klar. Der
Seelengefährte steigt empor. Er kennt keine Isolierung, kein
schmerzhaftes Einsamsein. Er erweckt Hingabe: Du in mir, ich in allem.
Der große Gedanke des Sommers.
Foto: Hermann Achenbach