Weltmeister werden
30.06.2010 von Cornelia Vierkant
In diesen Tagen geht die Aufmerksamkeit nach Südafrika. Was ist es,
das uns an der Weltmeisterschaft so fesselt?
Darauf gibt es viele Antworten. Ich muss gestehen: Ich bin
Fußball-Laie. Das mag bedauerlich erscheinen. Ich weiß nur:
Man möchte gewinnen. Und wenn "wir" gewinnen, gewinnen wir
alle. Wir werden Weltmeister - oder auch nicht. Es hängt davon ab,
wie gut unsere Mannschaft ist, ob sie eine "glückliche
Hand" hat, besser gesagt: einen glücklichen Fuß, ob der
Trainer das richtige Konzept gegen die gegnerische Mannschaft entwickelt
hat, wie stark der Gegner ist, ob der Schiedsrichter unparteiisch ist
und noch von vielem anderen, auch vom Wetter. Es ist also sehr unsicher,
ob ich Weltmeister werde.
Aufmerksam wurde ich auf den Fußball bei der letzten
Weltmeisterschaft. Plötzlich sah man überall
Deutschlandfahnen, die im Wind flatterten. Eigentlich zeigen wir
Deutschen ja nicht mehr Flagge. Aber dies war wohl eine Gelegenheit,
nachzuholen, was im Unbewussten schlummerte.
Und jetzt ist wieder Weltmeisterschaft. Erneut flattern unsere Fahnen im
Wind.
Warum zeigen wir Flagge - auf Hüten, Shirts, und am Auto?
Gibt es dafür noch einen tieferen Grund?
Was verbindet uns als einzelne mit der Deutschlandfahne? Vielleicht ein
Gefühl der Zugehörigkeit, der Zusammengehörigkeit, der
Verbundenheit? Wir sind soziale Wesen und von dem Wunsch beseelt, dazu
zu gehören. Wir möchten mit jemandem vereint sein. Im Kleinen
wie im Großen: mit Familie, Volk, Land, globaler Welt.
Woher kommt der Wunsch, nicht allein da stehen zu wollen, der Wunsch, zu
jemandem zu gehören? Da ist der Drang, das eigene Sein und
Seinsgefühl zu erweitern, ja zu überwinden. Das Gefühl
möchte auch über Partnerschaft und Familie hinauswachsen. Eine
Ursehnsucht nach Harmonie kann uns ergreifen, in der alle Gespaltenheit
und Vereinzelung aufhört.
Ich kenne die Sehnsucht, von einer Kraft getragen zu werden, die ich
vollkommen bejahen kann, in der ich vollkommen aufgehen kann, ohne jeden
Vorbehalt.
Eine große tragende Kraft im Universum kann auch mit meiner kleinen
Wesenheit Verbindung aufnehmen. Wenn ich mir dieser alles
durchdringenden Kraft bewusst werde, erhalte ich Anteil an einem
grenzenlosen Reichtum.
Viele haben diesen Schatz gefunden und sind in ihm aufgegangen. Ich
stelle mir vor, dass sie Sternen am Abendhimmel gleichen, die mit ihrem
Licht auf den göttlichen Funken in unserem Herzen hinweisen, der
nicht aus der Welt der Begrenztheit stammt. Er ist der Beginn meines
Weges, der Beginn des Allgefühls.
Zurück zur Weltmeisterschaft: Vor einigen Tagen las ich einen
Zeitungsbericht mit der Überschrift: "Fast so großartig
wie Gott". Der Reporter schrieb über Diego Maradona, den
Trainer der argentinischen Mannschaft. Er wird in Argentinien "el
Diez" genannt, die Zehn, oder schlicht "Dios" (Gott). An
seinem Geburtstag feiern viele seiner Fans Weihnachten. "Die
Atmosphäre im argentinischen Camp", so heißt es in dem
Artikel, "trägt Züge einer Wallfahrt. Fußball ist in
Argentinien eine noch ernstere Sache als anderswo und die Nationalelf
eine Frage der nationalen Identität. Gefragt, was für ihn ein
gutes WM-Abschneiden wäre, sagt Carlos Tevez (der Stürmer und
Torjäger der Argentinier): Nur der Sieg. Für Argentinien gibt
es kein Viertel- oder Halbfinale. Für den Titel würde ich alle
meine Erfolge geben."
Und er fügt hinzu: "Man muss sich für die Mannschaft
opfern. Hier geht es nicht um mich."
Der Bericht schließt mit den Sätzen: "Als Tevez Maradona
mit nur einem Wort beschreiben soll, ziert er sich lange, und obwohl man
glauben möchte, dass das für einen Mann seiner Statur und mit
diesem Gesicht kaum möglich scheint, wirkt er doch kurz verlegen.
Nach einigen Momenten der Stille sagt Carlos Tevez leise, es ist beinahe
ein Flüstern: ‚Er ist ein Phänomen.'"
Es geht um alles oder nichts. Es geht um die Weltmeisterschaft.
Dafür muss man sich opfern. "Es geht nicht um mich."
Klingt hier nicht etwas an, das über den Fußball hinaus weist?
Ich meine, im Leben eines jeden Menschen geht es darum, Welt-Meister zu
werden.. Aber in einem besonderen Sinne. Nichts gegen Fußball. Es
ist wohl der großartigste Sport der Welt. Doch: Wird hierbei
vielleicht ein Ur-Wissen, eine Menschheitsaufgabe, spielerisch
abreagiert?
Wir sind dazu gerufen, Welt-Meister zu werden, Meister über die
Welt in uns. "Seid getrost, ich habe die Welt überwunden",
so sprach der, der den befreienden inneren Weg weist. Das Echo seiner
Worte, die Spuren seines Weges sind in unserem Unbewussten verankert.
Sie können in uns erwachen und uns dazu drängen, ihnen Gestalt
zu verleihen. Wenn wir das versuchen, wenn wir den Worten und dem Weg
folgen, führen sie uns in die Fremdlingschaft. Die Welt verlacht
uns dann. Der Weg führt gleichsam in die Nacht. Allerdings zu den
Sternen.
Gibt es noch mehr Gleichnishaftes in der Beziehung zum Fußball? Im
deutschen Wort "Ball" steckt "All". Das muss in uns
hinein, in das "Tor". Auch im O steckt das All als Symbol. Aber
da gibt es den Torwart, der aufpasst. Unser Ich. Es hütet die
Schwelle, behauptet sich. Das All im Großen soll sich nicht mit
unserem All im Kleinen vereinen.
So geht es um die Frage: Gewinnt das Ich oder gewinnt das Universelle?
"Wer sich selbst überwindet, gewinnt das All", sagt die
Weisheitslehre des Hermes Trismegistos.
Ich wünsche mir: Möge das entscheidende Tor fallen und meine
Seele im eigenen System und in der Verbundenheit mit allem Welt-Meister
werden.
Abbildung: Fußball WM 1936 (Wikipedia)