Der Traum von der Liebe
26.05.2010 von Claudia Döhring
Gemälde: Bettina Runge
Alle Menschen kennen Gefühle der Liebe. Wir alle lieben jemanden
oder haben schon einmal jemanden geliebt. Erleben wir dieses Gefühl
gerade neu und aktuell, fühlen wir es als ein freudiges Ziehen in
unserem Herzen, empfinden wir es tatsächlich wie einen fliegenden
Schmetterling im Bauch oder spüren es als jubelndes
Hochgefühl.
Dieses Gefühl wird ausgelöst durch eine nahe Verbindung zu
einem anderen Menschen - Verbundenheit schenkt Freude und macht uns
glücklich!
Doch wenn wir uns ehrlich betrachten, stellen wir fest: Unser
Liebesempfinden lebt nicht für immer oder verändert sich
zumindest. Nach einiger Zeit des Zusammenseins mit dem Geliebten tritt
so etwas wie ein Gewöhnungseffekt auf - wir empfinden weniger stark
und verlieren mitunter das Gefühl sogar ganz. Das passiert meistens
dann, wenn wir auch die Seiten des anderen kennen lernen, die nicht so
gut dazu passen, uns glücklich zu machen.
Auch ist unsere Liebe keine reine Liebe. Wir richten unsere Liebe auf
bestimmte Menschen oder Dinge und grenzen andere aus. Unser
Unterbewusstes wählt aus: Menschen, die uns Gutes tun, deren
Lebensausdruck wir verstehen, die uns bestimmte Eigenschaften spiegeln,
die wir kennen, mögen oder brauchen.
Doch da wir niemals den ganzen Menschen sehen und erfassen, lieben wir
immer nur eine Ansicht seines Wesens, lieben wir ein Bild, das wir uns
von ihm gemacht haben. Dieses Bild muss sich zu seiner Zeit erweitern
bzw. auflösen.
Daher ist unsere Liebe so zerbrechlich.
Dass diese, unsere Art der Liebe nicht die reine Liebe ist, nach der wir
Menschen uns in der Tiefe unseres Herzens sehnen, wurde mir klar durch
etwas Besonderes, das mir passierte:
Einmal hatte ich einen Traum von der Liebe, die wirklich Liebe ist.
Liebe - nicht als Eigenschaft - sondern als vollkommenes Sein.
Dieser Traum war wie ein Erwachen - ein Aufwachen zu mir selbst.
Er war ungefähr so:
Ich sah über die weite, spiegelnde Fläche des Meeres. Hinter
der glitzernden Wasseroberfläche erhob sich die Sonne des neuen
Tages. Hell leuchtend, stark und alles überströmend flossen
die Sonnenstrahlen über das Meer und erfüllten den ganzen
Raum. Es war ein wundervoller Anblick. Alles wurde durch diese
Schönheit berührt. Kein Staubkorn, kein Atom, kein Fleckchen
der Atmosphäre wurde von den Sonnenstrahlen vergessen. Alles
glänzte in einer liebenden sehr lebendigen Stille. Ich stand lange
da und schaute.
Nach und nach nahm ich wahr, dass ich von dieser Sonne angezogen - immer
näher gezogen wurde. Die Sonne war verbunden mit einem Punkt in
meinem Herzen. Die Strahlen, die die gesamte Schöpfung
berührten, fielen zugleich in mein Herz - und zogen mich durch mein
Herz zu sich. Ich wunderte mich sehr darüber, ließ es aber
ruhig geschehen. Ich wusste nicht warum es geschah, doch ich war ganz
sicher, dass es gut und genau richtig war.
Mein Innerstes sehnte sich nach der Sonne, denn es ist aus der Sonne,
gehört zur Sonne - begriff ich. In einem bestimmten Moment sah ich
die Sonne nicht mehr vor mir. Sie war nun in mir! Die Strahlen der Sonne
gingen jetzt von dem Punkt in meinem Herzen aus. Strömten aus
diesem Mittelpunkt über die ganze Welt.
Auch war ich nicht mehr auf dem Meer, sondern stand mitten in der Stadt,
in der ich lebe.
Ich fühlte die Sonne in mir - aber ich war nicht die Sonne!
Ich wusste, sie würde für immer in mir bleiben, wenn ich ihr
den Raum meines Wesens freiwillig anvertraue und diesen Raum nicht
für mich selbst beanspruche. Wenn ich mich von den Dingen
löse und mich ganz der inneren Sonne gebe.
Aus meinem Herzen strömten die Strahlen zu allen Menschen und
Dingen. Diese Strahlen sind wie ein einzig liebender Gedanke, auf was
sie auch treffen. Nichts kann ihre Liebe begrenzen oder
einschränken, denn diese Liebe kennt keine Spaltung und somit keine
Trennung. Sie ist Liebe, ist vollkommene Einheit. In diesem Wissen
wachte ich auf. Der Traum hat mein Leben verändert. Es gibt
Momente, wo mir die Anwesenheit der Sonne des Herzens als eine hohe
Realität bewusst ist. Die Menschen bedürfen der Strahlen der
inneren Sonne, die von einem offenen, von der Sonne erweckten
Menschenherzen ausgehen. Denn die Liebe im Mittelpunkt des Herzens sucht
keine einzelnen Menschen aus - so wie wir es tun - sondern strahlt ihre
unbegrenzte Klarheit und Kraft für alle Menschen aus. Diese Kraft,
diese Liebe hat Eine Aufgabe, Ein einziges Ziel: dem Menschen sein
ureigenes Inneres Leben bewusst zu machen. Ihr einziger liebender
Gedanke ist es, den innereigenen Funken des Menschen durch Verbindung
mit der geistigen Sonne zur strahlenden Sonne des Herzens zu entfachen.
Dieser Funke in uns gehört zum Urquell allen Lebens. Ihn zu
erfahren, Ihm die Möglichkeit zur Offenbarung zu geben, erscheint
mir als die tiefe Bestimmung des Menschen.