Gier
13.01.2010 von Christa Zuch
Vielleicht hatten Sie vor Jahren auch den Filmklassiker von 1964
"Immer mit einem anderen" gesehen. Es geht in diesem Film um
einen Mann, der nicht gierig sein wollte, dies aber so gierig verfolgte,
dass er tatsächlich gierig wurde. Er wurde süchtig nach
Belohnung für alles, was er tat, und sei es noch so gering gewesen.
Ist Gier so menschlich, so sehr in uns verankert?
Gier ist neben Hochmut, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit
eine der sieben Todsünden. Auch der Buddhismus kennt als die drei
zu meidenden Sünden Unwissenheit, Hass - und Gier. In den zehn
Geboten des Alten Testamentes, die auch durch Jesus nicht aufgehoben
wurden, heißt es: "Du sollst nicht begehren deines
Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochsen, Esel, noch alles, was
sein ist." Aristoteles nannte die Sucht der Gier eine ansteckende
Krankheit, und mit ihm Hippokrates, Cicero und Seneca, um nur einige aus
der fernen Vergangenheit zu nennen.
Wie wirkt diese Krankheit, was sind ihre Symptome? Im Gegensatz zum
Tier, das, wenn es sich satt gefressen hat, nicht nach mehr verlangt,
wird der Mensch all zu leicht immer gieriger nach Mehr, Mehr, Besser,
Besser. Ein Gang durch den Supermarkt spiegelt das allzu sichtbar
wieder. Doch das gilt nicht nur, was das Essen betrifft, es ist ein
Instinkt, der sich in vielerlei Gefühlsvariationen zwingend
bemerkbar macht. So entsteht der Besitzinstinkt, die Habsucht, die
Selbstbehauptung vom Feinsten bis hin zum Gröbsten. Ja, bis hin zu
Gewalt, die zum Verbrechen führen kann - und sei es auch
"nur" mental. Es ist wie ein Drogenrausch, dem viele Menschen
machtlos ausgeliefert sind.
Warum muss es diese Gier geben, so könnte die Frage sein?
Würde ohne Gier das Leben stagnieren? Gier, diese Sucht nach Mehr,
Besser, Fortschritt spornt den Menschen zu all den großen
Erfindungen an, verhalf der Menschheit, aus der Steinzeit heraus in
unser aktuelles Jetzt zu gelangen. Doch war jede Erfindung notwendig?
Hat sie uns wirklich glücklicher gemacht? Wohl kaum, aber sie lenkt
ab von der inneren Leere, davon, dass wir nichts gefunden haben, das dem
Leben einen Sinn zu geben vermag.
Das Wort "Gier" kommt von "begehren, verlangen". Wonach
verlange ich? Mein Verstand weiß einiges sehr schnell
aufzuzählen. Es gibt so viel Schönes, Interessantes, das ich
noch nicht gesehen, erlebt, entdeckt habe. Doch dann meldet sich mein
Herz: "Meinst du, dass du es wirklich brauchst, dass es dich
glücklicher, zufriedener werden lässt?" Nein, denn ich
weiß aus Erfahrung, dass ein erfüllter Wunsch all zu schnell
den nächsten nach sich zieht - Gier!
Ich muss an die Worte von Paulus im Korintherbrief denken: "Oder
wisset ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist,
der in euch ist, welchen ihr habt von Gott ... Denn ihr seid teuer
erkauft; darum, so preiset Gott an eurem Leib und in eurem Geiste,
welche sind Gottes."
Der Mensch ist träge und nur schwer gewillt, Neues anzunehmen.
Durch die festen Gewohnheiten begeben wir uns in Gefangenschaft,
Gefangenschaft heißt Beschränkung, und Beschränkung
heißt Leiden. Darum: Seien wir offen mit weit ausgebreiteten
Flügeln des Herzens und begehren wir nach dem, was nicht nur
unserem Körper Nahrung gibt, sondern der Seele, die in uns erwachen
will und die keine Dunkelheit kennt. Die uns empor ziehen will in das
Land des Lichtes.