Danke, Ludwig
30.12.2009 von Christel Maria Achenbach
Es ist ein kalter, düsterer, verregneter Morgen. Regentropfen
klatschen ans Fenster. Ein Sturmtief ist in den Nachrichten für
unser Gebiet angekündigt worden. Noch ist es nicht angekommen, aber
in meinem Inneren herrscht Unruhe. Gedanken wirbeln wie altes Laub und
bleiben durchnässt und schwer irgendwo kleben.
Die letzten Tage waren nicht einfach gewesen und von bangen Erwartungen
erfüllt. Heute fühle ich mich zerrissen, missverstanden,
deprimiert, kraftlos, ausgelaugt. Was ist geschehen? Ich sitze am
Frühstückstisch, tief in meine Gedanken versunken und versuche
nun, mit dem Verstand zu analysieren. Was ist schief gelaufen?
Hättest du früher etwas in eine bessere Richtung lenken
können? Was ist dein Anteil an dem Geschehenen? Fragen über
Fragen. Ich suche in der Vergangenheit, belebe alte Geschichten in der
Hoffnung, hier eine Antwort zu finden. Umsonst! Es kommt keine.
Nur der Sturm legt jetzt richtig los. Ich höre die Schindeln an der
Hauswand klappern. Meine Aufmerksamkeit wird für einen Augenblick
nach außen gerichtet und nun höre ich auch das 4.
Klavierkonzert, das schon eine Weile im Radio gespielt wird. Besser
gesagt, ich höre das eindringliche Motiv des Klaviers, das bei mir
anzuklopfen scheint, so als ob es mich wachrütteln und wahrgenommen
werden will. Etwas widerwillig lasse ich mich darauf ein und lausche
weiter. Nun scheint es mir so, als ob das Klavier dem Orchester etwas
mitzuteilen hat. Dieses ignoriert jedoch die Botschaft und spielt sein
eigenes Thema weiter. Doch das Klavier lässt nicht locker. Es
formuliert sein Thema klar und deutlich. Nun entsteht eine kleine Pause
und das Orchester setzt seine eigenen "Gedanken" dagegen. Wieder
lässt das Klavier seine Botschaft erklingen, ebenso das Orchester.
Beide Parteien beharren auf ihren Aussagen und kommen nicht zusammen.
Das geht noch ein paar Takte so, bis das Orchester leiser wird. Nun
braucht auch das Klavier sich nicht mehr so lautstark zu
äußern. Ja, es scheint sogar zu lauschen und wird nun auch von
dem Orchester verstanden. Erst zaghaft, dann immer freudiger wird das
Verstehen, man geht auf einander zu und endlich erklingen
wunderschöne gemeinsame Melodien. Das gefällt mir.
Plötzlich wird mir bewusst, das sich in mir etwas verändert
hat. Es ist so, als ob sich äußeres Wahrnehmen und inneres
Erleben durchdrungen haben, als ob mein äußeres Erleben die
inneren Zustände verdeutlicht hat. Waren da nicht die zahlreichen
lauten Stimmen eines Orchesters, die auf ihrer Meinung und Aussage
beharrten? Die miteinander stritten und sich gegeneinander durchsetzen
wollten? So wie meine Gedanken es auch taten. Und das Klavier, welche
Botschaft bringt es mir? Es hat seine Aussage klar und deutlich
geäußert, auch wenn sie einsam im Raum stand und weder
aufgenommen noch beantwortet wurde, in der Gewissheit, dass die
Botschaft zur rechten Zeit gehört, verstanden und angenommen wird.
Ich bin sprachlos, erstaunt und beglückt. Hier hat vor etwa 200
Jahren ein Mensch seine Botschaft für mich in Musik gesetzt und
heute habe ich sie verstehen können. Da sind zwei Zustände in
mir. Der eine beharrt auf Altbekanntem, schlägt sich mit Sorgen
herum, versucht mit seiner Persönlichkeit und seinem Denken alles
zu meistern und zu regeln und scheitert. Und es gibt einen Zustand, der
sich nach etwas sehnt, das ich mit Klarheit, Harmonie, innerer Stille
und Weisheit bezeichnen möchte.
Das Klavier hat mir Mut gemacht, denn es hat mir als Botschaft gebracht:
Da ist etwas, das bei mir immer wieder anklopft, seine Stimme klar
vernehmen und sich nicht entmutigen lässt, auch wenn ich nicht
reagiere. Es gibt einen Ausweg aus dem Stimmengewirr in mir zu einem Ort
voll wohltuender Ruhe und innerlicher Stille. In dieser Stille wird mir
Kraft geschenkt und ich kann neue Impulse empfangen. Außerdem
weiß ich, dass ich wieder zu diesem Punkt gelangen kann, dass es
mir immer leichter fallen wird, denn der Weg dorthin hat sich, wie ein
Hohlweg, in mein Bewusstsein eingegraben.
Hinweis: CD Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 mit Alfred Brendel und Sir
Simon Rattle, Wiener Philharmoniker