Eine neue Klarheit
25.11.2009 von Silke Karwowski
Es war an einem bewölkten Tag, den ganzen Vormittag und selbst am
Mittag überschattete mich etwas. Etwas Dunkles lag über meiner
Seele. Es war nicht greifbar, nicht fassbar. Ich wusste nicht, was mich
bedrängte, vermutete die Ursache in einem Ereignis am Morgen.
Selbst ein guter Freund konnte mich am Nachmittag nicht wirklich
aufheitern. Wir gingen einkaufen. An der Kasse sah ich eine junge Mutter
mit einem Kindchen im Wagen, das hatte lange schwarze Haare und sah aus
wie eine Puppe. Ich musste immer wieder in seine blutsteinfarbenen Augen
schauen. Ich wechselte ein paar Worte mit der Mutter ...
Während ich das Kind betrachtete, vergaß ich mich selber.
Später stellte ich fest, meine Seele konnte wieder frei atmen. Der
unerklärliche Alpdruck war fort. Ich nahm wahr, dass die Sonne
schien, wurde heiter und scherzte auf dem Rückweg mit dem Freund.
Ich spürte wieder Freude im Herzen.
Was war geschehen? Ich bin innerlich zur Ruhe gekommen. Ich habe durch
das Kind in dieser Welt etwas Reines gesehen. Ich habe ohne zu urteilen
wahrgenommen, ganz wertfrei. Ich bin still geworden. Der Freund und ich
sahen beide das Kind, ein kleines Wunder in der Natur, auch er war
gerührt, was mich ebenso erfreute.
Im Grunde genommen offenbart sich Gott in jedem Geschöpf, in jedem
Lebewesen, sogar in jedem Ding, sei es ein kleiner Lichtstrahl, der
durch die dunklen Wolken dringt, sei es ein Vogelschwarm, der zwischen
den Formen einer Kugel und einer Ellipse hin und her schwingt, sich
verdichtend und wieder aus einander driftend. Sei es ein blaues
Mauerblümchen oder die Vielfalt der Schmetterlinge, den
Schmetterlingsstrauch umflatternd, oder ein kleines Kind mit den ersten
tapsigen Schritten.
Nur in Selbstvergessenheit können wir Göttliches wahrnehmen
und uns darüber freuen. Das geschieht im Augenblick, im Jetzt, ganz
momentan. Der Moment schenkt uns diese Offenbarung, nicht die Zeit mit
ihrer Zukunft und Vergangenheit. Im Moment ist die Ewigkeit enthalten.
Wenn wir selbstvergessen sind, öffnet sich im Augenblick etwas ganz
Lichtes in uns, uns wird es ganz leicht im Herzen. Wir fühlen uns
frei und unbeschwert. (Im Englischen bedeutet das Wort "light"
sowohl "leicht", als auch "Licht".)
Wir treten gleichsam aus einem dunklen Wald aufatmend auf eine
kreisrunde Lichtung. Wir freuen uns, die Klarheit des Himmels über
uns zu sehen, da wir uns nach dem Licht sehnen, bewusst nach der
Helligkeit des Tages, unbewusst nach dem göttlichen Licht. Wenn wir
uns selber nicht mehr wichtig sind, können wir dieses Licht, diese
neue Klarheit, wahrnehmen.
Foto: Christel Achenbach