Das Ewige in uns
21.10.2009 von Silke Karwowski
"Gott hat mit jedem von uns etwas gemeint, etwas versucht, und wir
sind seine Gegner, wenn wir das nicht annehmen und ihm helfen, es zu
verwirklichen." So hat sich Hermann Hesse 1941 in einem Brief an
einen Bekannten ausgedrückt. Was meint Hermann Hesse mit dieser
Aussage? Bedeutet es nicht vielleicht, dass Gott uns helfen möchte,
etwas in uns zu verwirklichen, etwas in uns zum Ausdruck zu bringen,
aber mit unserer Mitarbeit?
Einst in meiner Kindheit - ich damals 5 Jahre alt - gingen meine Eltern
mit meinen Brüdern und mir im Tessin auf einen Friedhof. Dort
suchten wir zwei Gräber auf. Eines war von dem gerade verstorbenen
Hermann Hesse und ein weiteres von einem berühmten Dirigenten.
Meine Eltern erklärten mir, dass wir nicht ewig hier auf Erden
sind, wir werden einmal sterben. Ich fragte: "Was ist denn der
Tod?" Man sagte mir: Dann liegen wir unter der Erde, und alles ist
ganz schwarz, und wir sind nicht mehr. In mir tat sich ein ganz
spontaner Protest auf. Ich spürte eindeutig, dass das nicht stimmt,
was meine Eltern mir erzählten. Ich war davon überzeugt, dass
wir ewig existieren. Aber ich schwieg.
Der Geburtsort Hesse's ist Montagnola, eine kleine Ortschaft in der
italienischen Schweiz ... Viele Jahre später kam ich zu dem Ort, wo
Hermann Hesse gestorben ist ... Ein Bogen spannte sich über eine
Zeit, in der ich viel von Hesse gelesen hatte ...
Und das, was sich mir in meiner frühesten Kindheit mit solch einer
inneren Sicherheit mitteilte, wurde mir in Calw, dem Sterbeort
Hesse's, durch Freunde bestätigt: Der Mensch, der geboren wird,
heranwächst, reift und wieder stirbt, hat ein ewiges Prinzip in
sich. Und dieses Ewige in ihm stirbt nie. Es wird nur mit der Geburt
eines Menschenkindes erneut von einer Körperlichkeit, von einer
Persönlichkeit umkleidet, damit diese mit der Zeit - es kann sehr
lange dauern - bewusst wird und eines Tages von diesem Ewigen in sich
berührt und getroffen wird. Das ewig Lebende in uns ist immer das
gleiche Prinzip, nur die Person, die wir hier auf Erden mit unseren
Sinnesorganen wahrnehmen, ist stets wieder eine andere. Aber die
Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben macht, sind eingespeichert
und umlagern dieses Ewige in uns. Bei einer Geburt wird dieser
Erfahrungsschatz zusammen mit dem Ewigen wieder mitgegeben. Es ist die
Erfahrungsernte desjenigen Menschen, der vor uns das Ewige verborgen in
sich trug.
Warum hat der Mensch etwas ewig Dauerndes in der Mitte seines Systems,
ja, in seinem Herzen? Die Persönlichkeit ("personare" kommt
aus dem Lateinischen und heißt übersetzt
"hindurchtönen") macht Erfahrungen in einem Wechselbad von
Gegensätzen in dieser Welt: Gesundheit und Krankheit, Spannung und
Entspannung, Liebe zu einem Menschen und die Enttäuschung -
"das ist es nicht, was ich gesucht habe" - und die
"Nichtliebe" folgt, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, es folgen
aufeinander Glück und Unglück, das Gute (die Güte) und
das Böse ...
Der Mensch, die Persönlichkeit, durch die eines Tages das Ewige
klingen wird, ist mürbe geworden von dem Wechselspiel der Farben,
der Widersprüche und von der ständigen Zerrissenheit. Er
fängt an, sich nach wahrem Frieden zu sehnen, nach tiefer Ruhe,
nach emotionsloser Liebe, nach immerwährendem Glück. Er
wünscht sich, frei zu sein von Anziehungen und Abstoßungen.
Das Ewige in ihm flammt auf und wird ihm ein Wegweiser, ein Kompass,
("compassare" = "mitschreiten") ein Wegbegleiter.
Das ist es, was mir zur Gewissheit geworden ist. Es ist uns aufgegeben,
jeden Tag daran zu arbeiten, dass das zarte Neue in uns nicht wieder von
dem Gewöhnlichen, von der Gewohnheit, Trägheit oder
Unbewusstheit überlagert wird. Stets erneut müssen wir darum
ringen und in den Strudeln der heutigen, heftigst bewegten Zeit
versuchen, uns auf unser Innerstes zu richten... und damit richten wir
uns auf, sind symbolisch "gerade gerichtet", aufrecht.
Der kleine Funke im Innersten wird mit der Zeit ein dauerhaft brennendes
Feuer, das nicht mehr erlischt. Dieses Leuchtfeuer, dieser Leuchtturm
sucht und trifft Menschen, die das Ewige in sich ebenfalls zur
Wirksamkeit kommen lassen wollen. Und genau das, so meine ich, hat Gott
mit uns allen vor.
Foto: Christel Achenbach