Der Mensch sieht sich im Spiegel, zugleich ist er der Spiegel
07.10.2009 von Silke Karwowski
Als ich noch ein Kind war, sagte meine Mutter einmal: "Die
Zweisamkeit ist das Schwerste im Leben." Und damals verstand ich
noch gar nichts davon. In einem Miteinanderleben spiegeln wir den
Mitmenschen wider und werden auch im Mitmenschen widergespiegelt.
Wenn ein Mann und eine Frau, die miteinander befreundet sind, nicht
zusammen leben, sind die Spiegel nicht so andauernd widerspiegelnd. Wenn
es Verletzungen gibt, kann das "zertretene Blümchen" sich
schnell wieder aufrichten und Liebe ausstrahlen und sein. In einer Ehe
bzw. in einem Zusammenleben von Mann und Frau können die Spiegel so
intensiv sein, dass sich unter Umständen ein schützender
Panzer, ein dickes Fell über den zarten, empfindlichen Kern legt.
Der Mensch wird unsensibel, aber die Liebe auch. Es tritt eine
Abstumpfung, eine Gewohnheit an die Stelle der Spontaneität und
Offenheit.
Was sind Verletzungen? Es sind Urteile, Verurteilungen, die wir dem
anderen gegenüber taktlos äußern ..., aber auch
Korrekturen. Mann und Frau sollten sich gegenseitig einen Freiraum
lassen, sich selbst Freiraum schaffen, sich Selbst sein, aber auch den
anderen sich Selbst sein lassen. Mit einer gewissen Ehrfurcht dem
anderen entgegen zu treten, mit Ehrfurcht in den Spiegel zu schauen, zu
staunen und sich selber zu erkennen, ist das eigentliche große
Ziel.
Und jeden Tag müssen wir uns wiederum überwinden, den Anderen
wie auch uns selber anzunehmen mit all unseren Unvollkommenheiten, mit
unseren Unbewusstheiten oder "Dummheiten". Jeden Tag müssen
wir erneut um diese Liebe ringen. Immer wieder müssen wir uns aus
der Bequemlichkeit heraus aufraffen, empor streben zu einer
Lebendigkeit, an die keine Langeweile und kein Desinteresse mehr
heranreichen. Wenn wir auch nur kurz wieder nachlassen in diesem Eifern,
ist es immer wieder mühsam, zu der spontanen Freude durch zu
dringen. Darum müssen wir immer bewusster werden. Wir dürfen
diesen Ariadne-Faden, wenn wir ihn einmal gefunden haben, nicht mehr
loslassen. Schauen wir direkt in den Spiegel! Und wenn sich beide
"Spiegel" bemühen, kann etwas Großartiges wachsen: aus
der einen Zweisamkeit entstehen zwei "Einheiten", zwei in sich
ruhende, Liebe ausstrahlende Universa, nicht nur doppelt so stark,
sondern um ein Vielfaches gestärkt.