Mensch-ärgere-dich-nicht oder Mensch-erkenne-dich-selbst?
16.09.2009 von Michael Rüttinger
Jeder kennt dieses Spiel. Die meisten haben es schon oft gespielt. Und
sich trotz des Namens geärgert. Dennoch ist das Spiel von einem
tiefen Schleier umhüllt.
Es stammt vermutlich aus Indien, von wo aus es englische Reisende mit
nach Europa brachten. In dem 1694 erschienenen Werk von Thomas Hyde
"De Ludis Orientalibus" findet sich ein Hinweis auf dieses
Spiel, welches in Indien den Namen "Pachisi" trägt. Im
Gegensatz zu dem uns bekannten Spielbrett wird es heute noch in Indien
mit kreuzförmigen Spielbahnen, die auf Stoff aufgedruckt oder
aufgemalt sind, gespielt.
Über den Symbolgehalt des Spieles schreibt der Forscher
Andrácsy: "Das Spiel ist auch eine Darstellung, ein Bild des
Menschen von seiner Welt, wo die Figuren aus einem Zentrum ausgehen
(geboren werden), um dann die Welt in östlicher, südlicher,
westlicher, nördlicher Richtung zu umfahren und schließlich,
im glücklichen Fall, ohne Not, an den Ausgangspunkt, den
Geburtsplatz, zurückzugelangen ...."(aus: "Das
Spielbuch" von Erwin Glonneger).
Betrachten wir das Spiel noch genauer.
Auffällig ist die Kreuzform, in der viele Geheimnisse unseres
Daseins verborgen sind: die erwähnten vier Himmelsrichtungen, die
vier Elemente, die vier Reiche der Natur. Es ist tatsächlich ein
gutes Symbol für unsere Welt, die wir durchlaufen, durchleiden,
durchkämpfen müssen.
Wir starten mit vier Figuren, die nicht gleichzeitig ins Spiel kommen,
sondern nacheinander. Erinnert uns das nicht an den Aufbau unserer
Persönlichkeit mit ihren vier Körpergliedern, die - wie es
Rudolf Steiner ausführlich beschrieben hat - in einem
Siebener-Rhythmus nacheinander in Offenbarung treten?
Das Schicksal, das uns erwartet ist, ist uns nicht bekannt -deshalb der
unbestechliche Würfel, der unseren Lauf bestimmt, wobei eine Regel
unveränderlich feststeht: Entweder wir werden geworfen im Kampf
"Jeder gegen Jeden" oder wir erreichen unser Ziel - das auf dem
Spielbrett außerhalb des normalen Lebensweges liegt und dennoch im
Kreuz verborgen ist. Hinter diesem einfachen Spielmechanismus steckt das
Wissen um die Reinkarnation, welches dem Menschen schon immer bekannt
ist, auch wenn es in bestimmten Kulturregionen in den Hintergrund
getreten ist. Aber Reinkarnation ist nicht das Ziel dieses LEBENSSPIELES
- dies wird beim Spielen mehr als deutlich. Es geht nicht um Werfen und
Geworfen werden. Vielmehr geht es darum, aus dem Rad der Wiedergeburt
(wie es im Buddhismus heißt) herauszutreten, um in das Nirwana zu
gelangen. Was ist das doch für eine Freude, wenn man beim
"Mensch-ärgere-dich-nicht" endlich den Attacken der
Mitspieler entkommen kann und mit seiner ganzen Wesenheit (alle vier
Steine müssen ins Ziel) auf die vier Zielfelder gelangt. Es ist
vollbracht.
Besonders interessant finde ich, dass das Kreuz als Symbol westlicher
Religion in diesem Spiel mit dem Reinkarnationsgedanken als einem
Kerngedanken östlicher Religion direkt verknüpft ist. Wir
erkennen dieses Verbindung (entgegen unserer üblichen
Kulturprägung) mit unserem latenten höheren Bewusstsein ja
vollkommen an, sonst würde uns dieses Spiel nicht so gut gefallen.
Wir spielen, was wir sind und was unsere eigentliche Aufgabe ist, ohne
uns dessen bewusst zu sein. Wir "ärgern" uns (obwohl wir
das nicht tun sollten), ohne zu ahnen, dass uns das Spiel viele
Geheimnisse anvertraut, die uns direkt betreffen.
Ach ja: Im Originalspiel gibt es noch die Regel, dass zwei Figuren einer
Farbe, die auf einem Feld zusammentreffen, nicht so ohne weiteres
geschlagen werden dürfen. Steckt da nicht das Geheimnis der Ehe,
der Hochzeit, der Verbindung zweier Menschen dahinter, von der es in
Mozarts Zauberflöte heißt:
"Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an
..."
Indische Miniatur aus dem 18. Jahrhundert, Museum für Indische
Kunst, Berlin