Im Frühling
03.06.2009 von Silke Karwowski
Einmal ging ich im Frühling in der Dämmerung durch die
hellgrüne saftige Natur unserer kleinen Ortschaft. Ein Weg mit
rotem Kies, umgeben von jung-grünen Hecken, duftendem Flieder,
entlang eines plätschernden Baches. Mich überkam ganz stark
die Sehnsucht nach dem Mann, den ich liebe. Ich dachte, wie gerne
würde ich hier mit ihm spazieren gehen, vielleicht sogar Hand in
Hand. Dann sprach eine andere Stimme in mir: Es tut gar nicht not, hier
in dieser kleinen Welt mit einem seelenverwandten Menschen zu spazieren.
Unsere Seelen sind über die Welt hinaus, über die Zeit hinaus
verbunden. Es ist etwas, das viel höher und unaussprechlicher ist.
Unsere Seelen gehen einen Sternengang, vielleicht mit vielen anderen
Seelen.
Ich bin gar nicht mehr traurig ...
Ich sehe aber, wie die Menschen hier mit ihren Sehnsüchten gefangen
leben: neben den Freuden der Begegnung die Schmerzen der Trennung. Und
die Freuden des Friedens und der Liebe neben den Schmerzen des Streites
und des Sich-nicht-verstehen-Könnens.
Ich erkenne hinter all dem Wechselspiel, dem Vergänglichen, etwas
Dauerhaftes, etwas Ewiges. Die Sehnsucht nach dem Mann ist ein Gleichnis
zu der Sehnsucht nach etwas Geistigem. Die aufwachende Seele sehnt sich
nach dem Geist. Die intensive frühlingshafte Natur kann die
Sehnsucht verstärken, macht uns unser Sehnen bewusst, sie
lässt uns rufen nach etwas lang Vergessenem, nach etwas lang
Vermisstem.
Wir fühlen uns traurig - ohne ersichtlichen Grund. Wir fühlen
uns gedrängt oder innerlich zerrissen - die beiden Stimmen in uns
ringen miteinander. Oder wir fühlen uns einfach nur unruhig - hier
ist nicht unser Platz, unsere Heimat. Wenn wir den Mut haben, die
Sehnsucht auszuhalten, zuzulassen, kann sich in uns etwas ganz Anderes
bemerkbar machen, das einen unbeschreiblichen Frieden schenkt.
Dann wird auch die Begegnung mit dem geliebten Menschen auf ein ganz
anderes Niveau gestellt. Jeder ist sich selbst genug, jeder kann allein
(all-eins) sein und zu zweit sein. Jeder befruchtet den Anderen, gibt,
beschenkt und wird wiederum bereichert in gegenseitig sich schenkender
Freiheit. Die Sehnsucht nach dem geliebten Partner wird ersetzt durch
das In- sich-Ruhen, das Finden in sich Selbst. Dann können wir den
Menschen neu begegnen, das Wesen der Dinge erkennen, im Jetzt anwesend
sein.
Steckt nicht im Jetzt, sogar in jedem Augenblick die Ewigkeit? Ist nicht
das Äußere die Widerspiegelung des Inneren? Sind wir Menschen
nicht ein Atom wie auch zugleich ein Weltall? Ist nicht diese Welt mit
all ihren Erscheinungen ein Gleichnis zur ursprünglichen Welt? Sind
nicht sogar beide Welten zu gleicher Zeit anwesend? Es sind viele Fragen
und doch ist es nur eine einzige Frage. Zuerst muss in uns die Frage
ganz deutlich werden und dann können wir uns der Antwort
nähern. Immer wieder muss uns die Frage bewusst werden und dann
wird in uns auch die Antwort reifen. Etwas Unklares wird allmählich
immer klarer - nach einem Frühlingsgewitter kommt die Sonne mit
ungewöhnlicher Klarheit.