Mensch oder Maske
08.04.2009 von Christa Zuch
"Das Auge sieht nur Masken, nicht das Eigentliche. Immer aber, wenn
etwas geschieht, dann regt sich hinter der Maske das, was wir nicht
kennen. Wer es treffen will, muss die Maske wie eine Wand
durchstoßen", heißt es in dem Buch Moby Dick von Herman
Melville.
Maske, entlehnt vom französischen Wort masque, hat die Bedeutung
von "Gesichtslarve", aber auch von "falscher Schein,
Vortäuschung, verkleiden". Schon kleine Kinder verkleiden sich
gern, wobei es bei dem Gewand bleibt; ein Ich, das sich maskiert, ist
noch nicht da.
Wenn wir sprachlich weiter forschen, gelangen wir zum Begriff
"Person". Er leitet sich vom Lateinischen "persona" ab =
"Maske des Schauspielers; Rolle, die durch diese Maske dargestellt
wird; Charakterrolle; Charakter; Person; bedeutende Person des
öffentlichen Lebens, Mensch; davon abgeleitet ist ein in sich
gefestigter Mensch".
Viele Menschen, vor allem Künstler der unterschiedlichen Gattungen,
aber auch jeder, der eine Rolle im öffentlichen Leben spielt, wie
Politiker, oder Menschen, von deren Beurteilung andere abhängig
sind, arbeiten bewusst an ihrem Image, tragen eine "Maske des
Schauspielers".
Wir haben verschiedene "Iche", die je nach Bedarf und zu unserem
Vorteil zur Schau gestellt werden. Doch wer darf dann mit Recht MENSCH
genannt werden, "in sich gefestigter Mensch", der einer Maske
nicht bedarf?
Als Jesus schweigend die Verhöhnung der gegen ihn gerichteten Menge
hinnahm, sagte Pilatus: "Sehet, welch ein Mensch!" Im
gnostischen Evangelium nach Maria (Magdalena) spricht Maria Magdalena zu
den Jüngern: "Lasst uns vielmehr seine (Jesu) Größe
preisen, denn er hat uns zubereitet und zu Menschen gemacht."
Und in Mozarts Zauberflöte sagt Sarastro über den Kandidaten
auf dem geistigen Weg, als dieser mit einem Titel gekennzeichnet wird:
"Mehr noch, er ist Mensch."
In welchem Ausmaß sind wir "Menschen", die der Masken nicht
bedürfen?
Ist es nicht der Mühe wert, sich auf den Weg zu machen, sein wahres
Selbst zu suchen und Mensch zu werden?
Gemälde: Leonardo da Vinci (Maria Magdalena oder Johannes)