Weder Spatz noch Taube!
11.03.2009 von Amay Franck
Lieber die Taube auf dem Dach, als den Spatz in der Hand?
Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach?
Vor ein paar Tagen habe ich in einem Gespräch mit Freunden mit
diesem Sprichwort herumgespielt. Dann aber dachte ich, dass diese beiden
Versionen doch eigentlich auf etwas sehr Wichtiges verweisen.
Wir alle kennen doch Menschen, die ganz nach dem Prinzip "Lieber den
Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach" leben. Sie
entscheiden sich dann vielleicht für einen Beruf, der nicht ihren
Vorstellungen entspricht, aber eine sichere Lebensgrundlage verspricht.
Und dann kenne ich auch Menschen, die sich für die zweite Version
entschieden haben. Das sind zum Beispiel diejenigen, die sich immer
wieder in Menschen verlieben, die unerreichbar sind. Entweder ist er
oder sie schon vergeben oder aus anderen Gründen unerreichbar. So
müssen sie sich nie für die Beziehung entscheiden, erhalten
sich aber das Gefühl der Sehnsucht und Verliebtheit - ohne
Konsequenzen ziehen zu müssen. "Lieber die Taube auf dem Dach
als den Spatz in der Hand" ...
Ist es aber, so frage ich mich, überhaupt sinnvoll, eine
Entscheidung zwischen "Taube" und "Spatz" zu
fällen? Es geht doch darum, wie wir mit den Anforderungen, die das
Leben an uns stellt, umgehen.
Gibt es nicht noch einen dritten, ganz anderen Weg?
Wenn die Taube für das Ideal steht, für die Utopie, dann steht
sie für das "Nirgendwo", zu dem kein Weg zu finden ist. Und
wenn der Spatz für das Sichtbare, Reale, Erreichbare steht, dann
steht er für das Begrenzte, schon Bekannte, Vertraute. Das Beharren
auf einer dieser beiden Sichtweisen ist, so denke ich, aus Angst heraus
entstanden. Aus Angst vor der Begrenzung, dem Festgefahrenen, dem mich
Bindenden, entscheide ich mich für "die Taube auf dem
Dach." Habe ich Angst vor dem Unbekannten, dem Neuen, dem
Unsicheren, dann entscheide ich mich für "den Spatz in der
Hand."
Egal, wohin ich schaue, auf die Taube auf dem Dach oder auf den Spatz in
der Hand - wenn ich so wahr nehme, nehme ich nicht wirklich wahr. Denn
Angst trübt meinen Blick auf die Realität. Mein Vertrauen in
mich selbst ist dann durch Angst erschüttert. Ich nehme nicht die
Möglichkeiten wahr, die ich habe. Wirkliche Achtsamkeit und
Gewahrsein dessen, was ist, was das Leben von mir verlangt und was es
ermöglicht, setzt, glaube ich, ganz viel Mut voraus. Woher soll ich
diesen Mut nehmen? Es heißt ja auch: "Wage (!) zu wissen"
(sapere aude) - habe den Mut, zu wissen, habe den Mut, dich, dein
Umfeld, deine Beziehungen und dein Handeln so zu sehen, wie sie sind.
Woher nehme ich diesen Mut?
Ich nehme ihn nicht - ich nehme ihn dankbar an.
Bettina von Arnim ( 1785-1859 ) formulierte es so:
"Selbstvertrauen ist Vertrauen auf Gott: Er wird mich doch nicht
stecken lassen."
Foto: H. Achenbach