Was mich meine Magersucht lehrte
08.10.2008 von Ofelia Robles
Als sich bei mir mit 16 Jahren Symptome von Magersucht einstellten,
konnten weder ich noch meine Familie oder die Psychologen diese
"Krankheit' deuten. Insofern ich meine Beweggründe nennen
konnte, war für die anderen schnell "alles klar", jetzt
brauchte ich ja nur noch normal zu essen und dann war das
"Problem" behoben. Dieser oberflächliche Umgang mit meinem
seelischen Schmerz, der hinter der Magerkeit steckte, zeigte mir, dass
man für gewöhnlich nur die Erscheinung der Dinge als real
betrachtete und tiefer liegende Ebenen für nicht existent
erachtete. So war ich mit meiner Seele, die weinte, also allein,
abgetrennt von der Welt, ihren Freuden und Vergnügungen, aber auch
abgetrennt von der Einheit, dem Göttlichen.
Dabei war ich doch so gläubig gewesen, hatte hingebungsvoll in der
Kirche die Messe gehört und es nicht dulden können, wenn meine
Eltern sonntags "schwänzten". Es war mir klar: Ich
würde ins Kloster gehen. Noch bei meiner Konfirmation hatte ich
für mich den Namen "Adelheid" gewählt - ja, ich wollte
rein sein; mich durch Gottesdienst zu adeln war mein innigster Wunsch.
Dann war alles anders gekommen: Die Holocaust-Filme flimmerten erstmalig
Mitte der 60er über die Bildschirme und ich erkannte an der
deutschen Kriegsgeschichte, was das Böse ist, litt unter der
Verwicklung der Elterngeneration in die Barbarei, versagte ihnen die
Gefolgschaft und sprach ihnen und den beteiligten Autoritäten das
moralische Recht ab, über mich zu befinden - dazu gehörte auch
die Kirche, die sich nicht unbeschadet gehalten hatte. Die helle
Empörung schoss in mich ein: Welch ein Verrat an der Gottesidee!
Und es war wie ein politisches Erwachen. Mit 16 Jahren trat ich aus der
Kirche aus - trotz der Aussicht, in die Hölle zu kommen, so mahnten
meine Paten Hände ringend - , und kurz darauf in die SPD, bei den
Jusos, ein. Es war klar: Mit der Hingebung war es vorbei, jetzt musste
verhindert werden, dass so etwas wieder geschah, und Kampf war angesagt
denjenigen, die in meinen Augen das Übel angerichtet hatten und
immer noch nicht einsichtig geworden waren.
Doch dann stellte sich langsam, aber sicher eine "Krankheit"
ein: die Magersucht. Ich fühlte mich "dick", in meiner
menschlichen Form gefangen, die keine Durchlässigkeit hatte zum
Göttlichen, das ich nicht wahrnehmen konnte, ich spürte nur
Versunkenheit im Stoff. Nein, so hatte ich nicht gewettet, bevor ich
mich auf dieses Leben einließ, das war so nicht abgemacht! Ich
kündigte dieses Leben auf mitsamt seiner Oberflächlichkeit des
Sinnenrausches, der für junge Leute wohl "Glück"
bedeuten sollte; mitsamt dem Streben nach Macht, Geld und Ansehen, das
letztlich doch in Herrschsucht, Hartherzigkeit und Gewalt endete.
Nunmehr hielt ich es mit den Existentialisten: Mich ekelte vor allem,
auch vor meiner Körperlichkeit ... So wog ich noch 38 Kilo und
hatte schließlich einen Zusammenbruch - fern ab von zu Hause, in
Angers, Frankreich, wo ich in der Zeit zwischen Abi und Studium jobbte.
Ich konnte nicht mehr sprechen, hatte entsetzliche Schmerzen, lag im
Koma, sah den berühmten Lichtschacht und hörte aufgeregte
Worte sprechen, dass ich zu früh gekommen sei, dass ich doch noch
eine Aufgabe habe .... Ein dumpfes Erinnern erfolgte, ich versprach, es
nicht mehr so weit kommen zu lassen, dann holten mich die Ärzte
zurück, päppelten mich durch Infusionen auf, entließen
mich erneut, in die Freiheit - oder in die Hölle?
Das Leben ging langsam über in eine Suche nach dem Sinn des
Daseins: Da war immer noch die Politik, die mit ihren Gegnern hart
verfuhr, das bekam man zu spüren, da war immer noch der starke
Drang nach Solidarität mit Benachteiligten, der Kampf gegen die
vielen Ungerechtigkeiten der Welt; aber auch der Eintritt in die
Anthroposophie und das Studium der Lehren Rudolf Steiners. Es folgten
sieben Jahre Arbeit als Waldorflehrerin. Ich meinte, angekommen zu sein,
doch dann signalisierte man mir, dass ich hier nicht "richtig"
sei und erneut war ich hinaus katapultiert, vor die Tür. Und ich
ging, verließ Deutschland, um nie wiederzukehren in dieses
"lieblose Vaterland der verhärteten Seelen", zu denen eine
Verbindung aufzunehmen nicht möglich schien.
Eine harte Wirtschaftkrise in Argentinien nahm jedoch die Existenz und
ein schönes, liebevoll erbautes Haus und warf mich 5 Jahre
später wieder an die Küste des kalten Nordens. Wiederum schien
es, dass ich unerwünscht war. Bei der Stellensuche musste ich mich
hinten anstellen. Wer ins Ausland geht, wer beim Heimspiel nicht dabei
ist, ist Außenseiter. Das brannte in der Seele und ließ die
Sehnsucht nach dem wahren Sein hoch aufflammen, das ich hinter all den
Schleiern erahnte, das mich stets begleitet und irgend wie zu mir
gesprochen hatte.
So begann sich der Handschuh in mir langsam nach innen zu stülpen,
um zu überwinden, was trennte, um die "Entelechie" zu
entdecken, wie sie Lessing und Aristoteles erklärten, die
Wesenheit, die das Ziel in sich trägt. Das war meine Sucht, die mir
immer treu geblieben war, deshalb hatte ich "mager" sein wollen,
ich hatte nur an der falschen Stelle, im Außen, bei den Menschen,
in der Politik, im Ausland, einen Ausweg, einen Durchlass gesucht. Nun
war ich endlich mit Kafka an die Grenze gekommen, der bekanntlich die
Katze zur Maus sagen lässt: "Du suchst den Ausgang? Du musst
bloß die Laufrichtung ändern..." - ja, dieses Mal war ich
in die richtige Richtung gelaufen, dorthin, wo kein Ekel war, kein
Kampf, kein Gefressenwerden, hinter dem Tunnel sah ich - wenn auch noch
dumpf und nicht greifbar - wieder das mir bekannte Licht.