Demut des Blicks
09.07.2008 von Peter Hildebrandt
Unter diesem Titel las ich vor einigen Jahren einen Text der
italienischen Schriftstellerin Susanna Tamaro: ...man muss die Demut
haben, immer wieder zu fragen, was tue ich hier, und jedes Mal keine
Antwort darauf wissen. Man muss den Mut haben, sich nicht von der Macht
erfassen zu lassen, sich niemals erhaben und besser als alle anderen zu
fühlen, die um uns herum sind. Man muss sich eben die Demut des
Blicks bewahren.
Das war ein Anstoß für mich. Immer wieder fragte ich mich: Wie
schaue ich auf die Welt? Auf meinem Acker gibt es einen Platz, auf dem
ich hin und wieder gern eine Pause mache. Dort, am Waldrand, in der
Stille der Natur, bekam ich meine ersten niederschmetternden Antworten:
Alles was du siehst und hörst, streichst du an mit der Farbe deines
Urteils! Immer wieder versuchte ich mich zu rechtfertigen und doch
blieb, wenn ich in der Stille war, nichts außer meinem Urteilen. So
begann ich mich zu fragen, woher denn mein Urteilen kommt.
Nach einiger Zeit geriet ich vor die "Illusion meines Lebens".
Ich musste erkennen, dass es nichts gab in meinem Welt- und Selbstbild,
das irgendeinen wirklichen Bestand hat. Die vielen Bilder der
Erziehungsmuster meiner Kindheit, das mich umgebende und prägende
Leben der dörflichen Gemeinschaft, die gesellschaftlichen
Strukturen, in die ich mich eingepasst hatte: All das hatte mich zu
jemandem werden lassen, der mir innerlich fremd war.
Es entstanden Stille und Leere in mir, und die begannen, mich ganz
auszufüllen.
Stille und Leere heilten mich von meinem
Über-alles-urteilen-müssen. Meine Blicke wurden zu Fragen und
aufkommende Urteile wurden zu einem Staunen. In mir tauchen
plötzlich Erkenntnisse auf: namenlos, erklärungslos und
unbeschreiblich.
Sie lassen sich nicht in Worte fassen, und sind doch wie ewige
Schätze.
In der "Demut des Blicks" lag für mich ein Keim verborgen,
aus dem etwas wächst, das ins Unendliche reicht.