"Fiat iustitia et pereat mundus"
05.03.2008 von Sabine Franke
Jemand hatte die Worte "Fiat ars et pereat mundus" mit zarten
schwarzen Buchstaben auf eine grobe, weiße Wand geschrieben. Es ist
eine Textstelle aus Walter Benjamins Buch "Über die Kunst".
Sie war plötzlich zum eigenständigen Kunstwerk geworden.
Ich stehe mit einigen Jugendlichen davor. Sie zucken mit den Achseln.
Einer fragt: "Was heißt das eigentlich?" Keiner weiß
die Antwort. Ich verspreche, im Lexikon nach der Quelle des Textes zu
forschen und finde dort einen Ausspruch von Kaiser Ferdinand I. (dt.
Kaiser von 1556-1564). Er bezieht sich auf die Gerechtigkeit:
"...Fiat iustitia et pereat mundus..." Es geschehe Gerechtigkeit
und möge auch die Welt daran zu Grunde gehen.
Und plötzlich verstehe ich die Tragik dieses Ausspruchs. Er
enthält die Kapitulation der Idee vor dem Gesetz.
Die Worte "Es geschehe Gerechtigkeit" zwingen die Gerechtigkeit
in die Form des Gesetzes. Dient das Gesetz im guten Sinn der Idee der
Gerechtigkeit, dann gibt es ihr Struktur und sie wird erkennbar und
anwendbar. Aber wird das Gesetz angewandt, ohne die Gerechtigkeit im
Auge zu haben, dann ist die Idee, die ihm zu Grunde liegt, verloren.
Mehr noch: Das Gesetzeswerk, das unverrückbar sich selbst
durchsetzt, kann zu einem Instrument werden, das das zerstört, was
es eigentlich zu schützen gedachte: "...und möge auch die
Welt daran zu Grunde gehen."
In all dem spiegelt sich auch ein Problem für jeden strebenden
Menschen und für den religiös suchenden ganz besonders: Wir
müssen mit dem "Joch des Gesetzes" rechnen. In uns und
außerhalb von uns.
Wie oft macht man das, was man einmal tief in sich als wahr erkannt hat,
für sich zum Gesetz! Wir prägen es uns ein. Es wird zu einer
Struktur, gemäß der wir uns entwickeln, an der wir uns
orientieren. Aber das Gesetz ist immer nur ein Hilfsmittel, sozusagen
eine Krücke, damit man besser gehen kann. Die Idee unseres Glaubens
ist formlos, sie vibriert als reiner Impuls in uns. Sie darf nicht zu
einem persönlichen Gesetzeswerk erstarren, sondern muss jeden Tag
neu erkannt werden. Nur in der aktuellen Erkenntnis führt sie zur
"Freiheit des Evangeliums".