Die Furcht vor dem Neuen
27.02.2008 von Anja Döpel
Als Unterrichtseinstieg notierte ich an der Tafel: "Das Bewusstsein
bestimmt das Sein" und forderte die Schüler auf, diesen
Lehrsatz zu erläutern. Nach einer lebhaften Diskussion entfuhr es
plötzlich einem Schüler: "Moment mal, das bedeutet ja,
dass unser Leben in unseren Händen liegt, dass wir alles Bestehende
ändern können?!"
Das begeisterte Aufblitzen in seinen Augen, dieses deutlich erkennbare
Begreifen, die Lebensumstände nicht als gegeben zu betrachten,
sondern als etwas Formbares, hatte mich bewegt und erfreut.
Natürlich kann man nicht sagen, dass das Leben einem rohen Klumpen
Ton gleicht, den wir gemäß unseren Vorstellungen zurechtkneten
können. Dennoch können wir, wenn wir uns für einen
spirituellen Weg entscheiden, unseren Lebensschwerpunkt komplett
verlagern und damit dem Leben eine ganz neue Richtung geben. Das
heißt zum Beispiel, sich, während man seinen täglichen
Pflichten nachgeht, nicht mehr als nötig auf die äußeren
Gegebenheiten zu richten. Die normalen Tätigkeiten, die wir
verrichten, können eine Art Lehrbuch sein für unsere
seelisch-geistige Entwicklung. Wir können - das ist mir deutlich
geworden - an ihnen das erkennen, was unser Leben bestimmt und das
loslassen, was unsere seelische Entwicklung behindert.
Was aber bedeutet "loslassen"? Im Französischen gibt es
eine schöne Redewendung dafür: "Il faut tourner la
page", man soll also die Seite umblättern. Was
umgeblättert ist, kann nicht mehr betrachtet werden, also auch
nicht mehr mit der Energie unserer Gedanken genährt werden. Und was
keine Nahrung erhält, das stirbt.
Dies klingt so einfach und fällt doch oft so schwer. Woran liegt
das eigentlich? Der Romanheld Raskolnikow aus Dostojewskijs Werk
"Schuld und Sühne" führt es auf die menschliche Furcht
zurück: "Alles ist dem Menschen in die Hand gegeben, und alles
lässt er sich entgehen ... Es ist interessant, was die Menschen am
meisten fürchten: einen Schritt ins Ungewisse, ein neues Wort, das
sie sprechen könnten..."
Woher rührt diese Furcht? Warum sind wir so oft eher bereit, eine
leidvolle Situation zu ertragen, als uns Neuem zuzuwenden? Haben wir
denn nicht auch schon die Erleichterung erlebt, die sich einstellt, wenn
wir einen neuen Weg eingeschlagen haben? Eigentlich ist diese Furcht
nichts anderes als mangelndes Gottvertrauen, mangelndes Vertrauen in die
göttliche Führung. Doch wir können uns auch von der Kraft
der Worte durchdringen lassen:"Gott lässt nicht fahren die
Werke seiner Hände". Dann schwindet die Furcht.