Fragen und Antworten
20.02.2008 von Amay Franck
Als ich vor ein paar Tagen in die Web-Seite der Stiftung Rosenkreuz
schaute, um nachzusehen, ob es etwas Neues gäbe, kam mir
plötzlich eine Idee. Ich fragte mich nämlich, wer es wohl sein
könnte, der diese Seite anklickt und weshalb er oder sie das wohl
macht. Weshalb ich die Seite öffnete, weiß ich. Ich wollte die
neue Kolumne lesen. Sie wollen das offenbar auch. Aber warum? Das habe
ich mich gefragt. In diesem Zusammenhang kam ich auf ein Thema, das mich
schon lange beschäftigt:
Weshalb wird im Unterricht in der Schule so viel gefragt? Wohlgemerkt,
nicht von den Schülerinnen und Schülern, sondern von den
Lehrern. Was sind das für Fragen? Ist es nicht meistens so, dass
die Fragen nur gestellt werden, um zu überprüfen, ob die
Antworten, die der Schüler oder die Schülerin gibt, mit der
vorher überlegten Antwort des Lehrers übereinstimmen? Ich
erinnere mich an quälende Frageketten: Da sagt der Lehrer:
"Denk doch noch mal darüber nach, ...nein, das meine ich
nicht,....ja, beinahe, aber es ist noch nicht ganz das, was ich
meine......"
Das kann so lange gehen, bis ein mutiger Schüler oder eine
Schülerin entnervt sagt: "Sagen Sie uns doch einfach, was Sie
meinen." Und glücklich kann sich der Schüler preisen, der
die Antwort, die der Lehrer hören wollte, gefunden hat.
Aber es gibt auch ganz andere Fragen und ganz andere Antworten. Wenn Sie
die Seite der Stiftung aufgerufen haben, dann hatten sie vielleicht eine
solche Frage: Was mag sich hinter der Stiftung Rosenkreuz verbergen?
Was bedeutet Rosenkreuz? Was ist Gnosis? Welche Überlegungen haben
diejenigen, die hier zu verschiedenen Themen kurze Beiträge
schreiben?
In der Kolumne stehen vielleicht nicht die Antworten, die Sie sich
erhofft haben, und die Fragen, die Sie sich gestellt haben, bleiben den
Schreibenden der Kolumnen immer unbekannt. Aber etwas gilt mit
Sicherheit: Echte Fragen treffen hier auf echte Antworten und es besteht
kein Zwang. Niemand will Sie überzeugen oder überreden.
Bei diesem stummen Dialog kann man sich fragen: Was ist nun eigentlich
wichtiger, die Frage oder die Antwort? Oder ist beides gleich wichtig?
Was lässt mich eine Frage stellen? Ein Zweifel, ein Suchen, der
Wunsch, jemanden bloßzustellen, weil ich schon von vornherein ahne,
dass er die Frage nicht beantworten kann? Der Wunsch nach Kontrolle?
Eine Erkenntnislücke, die ich schließen will? Der Wunsch nach
Kontakt, den ich in eine Frage kleide? Ich glaube, dass der beste Dialog
zwischen Fragendem und Antwortenden dann zustande kommt, wenn sich beide
über ihre Motive, zu fragen und zu antworten, ganz klar geworden
sind. Ich glaube, dass dann echte Fragen entstehen und aufrichtige
Antworten.
Ich habe es schon so oft erlebt, wenn ich wirklich eine Antwort auf eine
drängende, wichtige Frage benötigte, dann kam die Antwort
auch: in Form eines Buches, das mir jemand empfahl, in Form einer
Begegnung, in Form eines Gesprächs, das ich "zufällig"
mit angehört habe, in Form eines Ereignisses, das mir eine Antwort
auf die Frage gab.
Und noch etwas habe ich erlebt: Manchmal geschieht etwas Wunderbares:
Jemand fragt, aus tiefstem Suchen nach Erkenntnis und plötzlich
taucht eine Antwort auf, die der Antwortende selbst noch nicht in seinem
Bewusstsein hatte. Ein inneres Wissen äußerte sich durch ihn,
von dem er nicht wusste, dass es in ihm steckt. In einer Gruppe geistig
Strebender geschieht dies häufig. Eine undeutliche, leise Frage
erhält hier den Raum, um als bedeutsam erkannt zu werden. Und die
Antwort steht plötzlich ebenfalls im Raum.