Vom Urteilen
16.01.2008 von Anja Döpel
Da war er wieder, dieser traurige Moment: Ich hatte eine Klausur
zurückgegeben, und während die einen Schüler zufrieden
waren, glücklich strahlten oder sogar dem Nachbarn jubelnd um den
Hals fielen, schauten andere enttäuscht auf ihre Noten und ein
Mädchen weinte sogar. Alle waren wie unter einer Notenglocke
gefangen. Sie waren nicht mehr der Schüler Max oder Petra mit
bestimmten Eigenschaften, - nein, sie waren nur noch eine 2 oder eine 5
- nur noch Note.
Ich wollte die traurigen Schüler irgendwie trösten:
"Wissen Sie eigentlich, was ein Urteil ist? In diesem Wort steckt
die Teilung von etwas ursprünglich Ganzem." Ich schrieb dieses
machtvolle Wort an die Tafel und trennte das "Ur-" vom
"teil". Verwunderte Blicke. "Schauen Sie meine Faust an und
stellen Sie sich vor, sie sei die Wahrheit." Neugierige Blicke auf
meine Hand. "Wenn ich nun diese Wahrheit zu erfassen versuche, bin
ich durch meinen Standpunkt immer auf eine beschränkte Perspektive
reduziert. Ich kann die Wahrheit nur von einer Seite betrachten, die
andere vermag mein Blick nicht zu erfassen." Nachdenkliches Nicken.
"So ist es mit jedem Urteil. Es erfasst nie das Ganze, immer nur
einen Teilaspekt. Um den annähernd verstehen zu können, teilen
wir ein in richtig und falsch, gut und böse, schwarz und weiß.
Ein Urteil kann also nie perfekt sein, da es nie die Gesamtheit erfasst.
Leider zwingt uns die Ordnung, in der wir hier leben, zu
fortwährendem Urteilen. Aber dennoch bleibt uns die
Möglichkeit, uns nie vollständig mit einem Urteil
identifizieren zu müssen." Zufriedenes Aufleuchten in den Augen
...
Diese kurze Begebenheit hatte mich sehr bewegt; zeigte sie doch wieder
einmal unsere Abhängigkeit vom Urteilen und Beurteilt-werden.
Gleichzeitig machte sie mir jedoch auch die unglaubliche Freiheit
bewusst, die durch das Nicht-Urteilen möglich wird. Während
man sich durch jedes Urteil an andere Menschen oder auch
Zusammenhänge bindet, löst ein Nicht-Urteilen Bindungen auf
oder verhindert ihre Entstehung. Dies ist für mich ein wichtiger
Aspekt beim Gehen eines spirituellen Weges. Denn gerade die Freiheit,
nicht zu urteilen, lässt Raum für einen selbst und den
anderen, Raum für neue Entwicklungen, die durch ein Urteil oftmals
nur blockiert werden.
Darüber hinaus wird ein ganz anderes Verständnis unserer
Umwelt und auch von uns selbst möglich. Wenn wir nicht mehr in
Einzelaspekte isolieren, erschließen sich uns komplexe
Zusammenhänge. So sind die Handlungen unseres Alltags nicht mehr
"gut" oder "schlecht", sondern wichtige Schritte auf dem
Erfahrungs- und Lernweg bei unserer seelischen Entwicklung.
Dies ist nicht mit einer Beliebigkeit unserer Handlungen zu verwechseln,
frei nach dem Motto: "Meine Handlung hat zwar mich und andere
geschädigt, aber wird schon eine wichtige Erfahrung gewesen sein,
also weiter so!" Nein, es geht um das bewusste Wahrnehmen unserer
Handlungen, ein Erkennen der ihnen zugrunde liegenden Ursachen und
Zusammenhänge, um auf diesem Weg wertfrei, ohne zu (ver-)urteilen,
unser Ich mit seinen Begrenztheiten zu verstehen und uns seelisch
allmählich von den Bindungen dieser Welt lösen zu können.