Das Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi
27.09.2007 von Amay Franck
Vor ein paar Tagen fand ich neben der Kasse einer Buchhandlung einen
Radiergummi. Er trug die Aufschrift: "Das Leben ist wie Zeichnen
ohne Radiergummi". Zuerst stutzte ich, das Leben soll sein wie
Zeichnen ohne Radiergummi?
Ich überlege – wie ist es denn, wenn man zeichnet und keinen
Radiergummi zur Hand hat? Ich mache einen Strich, er misslingt, aber ich
kann ihn nicht wegradieren. Was mache ich jetzt? Ich könnte die
Zeichnung so verändern, dass er irgendwie doch hinein passt. Ich
könnte die falsche Linie einfach stehen lassen, aber das würde
mir vielleicht nicht gefallen. Ich könnte das ganze Blatt
überkritzeln, man sähe dann den falschen Strich nicht mehr.
Aber die Zeichnung wäre nicht so, wie ich sie mir vorgestellt
hatte. Ich könnte das Blatt auch zerknittern, zerreißen,
verbrennen.
Das Leben soll sein wie Zeichnen ohne Radiergummi? Wie bin ich
eigentlich bis jetzt mit der Zeichnung meines Lebens umgegangen? Habe
ich falsche Entscheidungen als zu mir gehörig in mein
"Lebensbild" integriert? Habe ich sie ignoriert, als
"Ausrutscher" bagatellisiert? Habe ich sie überdeckt,
verdrängt, versucht, sie unsichtbar zu machen? Ich spiele in
Gedanken verschiedene Varianten durch und erkenne: Wirklich ungeschehen
machen kann ich nichts, alles, was ich tat, hat irgendwelche Spuren
hinterlassen. Spurenlos ausradieren – im wirklichen Leben klappt das
nicht.
Aber ist das nicht hoffnungslos und entmutigend? Kann ich denn niemals
neu anfangen? Nie die Vergangenheit hinter mir lassen? Gibt es keine
Chance auf einen Neubeginn? Ein ewiges Hängen in der Vergangenheit?
Wäre dies so, dann könnte man tatsächlich fast
verzweifeln. Aber – es gibt einen Ausweg!
Das Geheimnis ist, mit all dem, was in uns aufgezeichnet ist, einen
neuen Beginn zu wagen: Neu ist dann etwas ganz anderes – nämlich
eine Umwendung der Sichtweise auf das, was hinter uns liegt. Wir
erkennen dann, dass wir die meisten Probleme, die wir mit uns und mit
anderen haben, nicht wirklich ändern können. Was aber
möglich ist, wenn wir uns darauf einlassen, ist eine andere Sicht
darauf.
So könnten wir uns zum Beispiel fragen: "Was hat dieses Problem
mit mir zu tun?" oder: "Könnte dieses Problem nicht auch
eine Hilfe sein, weil ich an ihm etwas Bestimmtes lernen soll?" Die
Botschaft ist dann: Lerne, das Leben als eine Übungsschule zu
verstehen. In dieser Schule darfst du Fehler machen, solche, die du
korrigieren kannst und auch solche, mit denen du weiter leben musst.
Diese Sicht wird möglich, wenn ein anderes Licht auf das Alte
fällt. In diesem Licht, dem Gnosislicht, kann es uns gelingen, alte
Probleme in einem neuen Licht zu sehen und auch einen anderen Umgang mit
ihnen zu finden.