Die Erlösung der Natur
19.09.2007 von Burkhard Lewe
Mein letzter Urlaubstag. Ich sitze auf einer Bank am Wattenmeer. Vor mir
eine große ebene Fläche. Das Wasser hat sich weit
zurückgezogen. Ebbe und Flut, diese beiden Gefährten,
prägen in ihrem wechselseitigen Spiel diese Küstenlandschaft.
Hat die Flut bereits eingesetzt? Vielleicht ist es der "Moment
dazwischen", der kurze Moment des Einhaltens, vergleichbar mit der
kurzen Pause zwischen zwei Atemzügen. Genau an diesem Punkt befinde
auch ich mich: zwischen Ausatmen und Einatmen. Heute ist noch Urlaub,
morgen beginnt wieder meine Arbeit.
Der steile Abhang unterhalb meiner Aussichtsbank ist übersät
von dunklen Felsbrocken. Schwarz und unbeweglich wirken sie auf mich:
verdichtete Materieklumpen, die auf irgendetwas zu warten scheinen.
Nicht weit entfernt davon – auf den ins Meer einmündenden
Salzwiesen – recken tausende wunderbar zart geformter, lilafarbener
Blütenköpfe sich dem Sonnenlicht entgegen. In ihrer
Üppigkeit und Schönheit verströmen sie etwas
Übernatürliches, Jenseitiges, ein Versprechen, eine
Verheißung. Im Gegensatz zu den bewegungslosen Steinklumpen sind
diese Pflanzen in der Lage, sich für das Licht zu öffnen, im
Licht zu atmen. Sie können es aufnehmen und verwandeln. Sie lassen
eine erstaunliche Hingabe für das "Wachsen im Licht"
erkennen.
Zwischen den schwarzen Felsbrocken rennen Scharen von Wattvögeln
aufgeregt hin und her. Einige besitzen spitze Schnäbel, um die tief
im Schlick sitzenden Wattwürmer aufzupicken, andere haben
löffelartig geformte Schnäbel, mit denen sie Steine
umwälzen und die darunter versteckten Kleintiere aufspüren
können. Mir fällt die ununterbrochene Bewegung auf, die von
den Wattvögeln während ihrer rastlosen Futtersuche ausgeht.
Jeder einzelne Vogel scheint durch ein unsichtbares Band mit seiner
spezifischen Gruppe verbunden zu sein. Ohne erkennbare Absprache fallen
alle Mitglieder einer Vogelart in ein ohrenbetäubendes Geschnatter
ein, während im nächsten Moment alle Vogelstimmen – wie von
Geisterhand geführt – verstummen.
Plötzlich frage ich mich: Wie würde man von einer höheren
Warte aus – sozusagen aus einer "transparenten
google-earth-Sicht" heraus - auf den Menschen blicken? Was macht
den Menschen aus?
Mir kommt es so vor, als seien die Eigenarten der verschiedenen
Naturreiche immer auch schon im Menschen enthalten:
- die "Erdenschwere" der Steine,
- das "Geöffnetsein", die Sehnsucht der Pflanzen nach dem Licht,
- das kollektiv gesteuerte, "rastlose Umherirren" und Suchen der Tiere nach dem Muster: "Friss oder stirb!"
Sind dies nicht auch zutiefst menschliche Wesenszüge?
Doch worin liegt das Unverwechselbare, das ganz Einmalige des Menschen?
Was macht den Menschen - neben diesen "Spurenelementen" aus dem
Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich – zu etwas ganz Besonderem?
Ist es sein Verstandesbewusstsein? Ist es seine Fähigkeit,
über sich selbst und seine Umgebung reflektieren zu können,
miteinander zu kommunizieren, gestalterisch tätig sein zu
können?
Wenn wir die heutige Welt betrachten, müssen wir ernüchtert
feststellen: Welch gewaltiger Abgrund tut sich hier auf, welche
"Verirrungen" sind entstanden
- zwischen Herz und Kopf,
- zwischen Anspruch und Wirklichkeit,
- zwischen selbstschöpferischer Potenz und selbstsüchtigem Handeln?
Das Unverwechselbare, das eigentliche Potential des Menschen muss
offensichtlich noch geboren werden. Eine ganz neue Art von innerer
Arbeit scheint dafür erforderlich zu sein.
Verstandesmäßiges Denken und die Intuition des Herzens
können, ja müssen auf fruchtbare Weise zusammenwirken. Eine
völlige Neuschöpfung wartet auf ihre Geburt. Jan van
Rijckenborgh spricht vom "kommenden neuen Menschen".
Gemeint ist ein Mensch,
- der sich einerseits völlig vom tierhaften Gruppenzwang emanzipiert hat,
- der aber andererseits bei voll entwickelter Individualität in seinem ganzen selbstschöpferischen Handeln "Verantwortung" zeigt.
"Verantwortung" meint: Antworten und freiwilliges
Sich-Einfügen in den alles umfassenden Bauplan der
Schöpfung.
Das Spezifische, Unverwechselbare des Menschen sehe ich darin, dass er
einen Schatz in sich trägt, eine sprudelnde Quelle, ein
selbstschöpferisches Potential, mit dem er an seiner eigenen
Erlösung und der Erlösung der ganzen Natur mitwirken
kann. Die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere brauchen den eigentlichen
Menschen, den innerlich ausgerichteten Menschen, der diesen
Schatz freilegen möchte.
Beim Blick über die Weite des Wattenmeeres spüre ich: Nicht
morgen, jetzt beginnt meine Arbeit!