Nicht eins, nicht zwei
29.08.2007 von Angela G. Paap
Die Schüler fragten: "Wie gelangt man zum Einssein mit
Gott?"
Der Meister antwortete: "Je mehr ihr euch anstrengt, desto
größer wird die Entfernung zwischen Gott und euch."
"Wie überwindet man diese Entfernung?"
"Durch die Erkenntnis, dass diese Entfernung in Wirklichkeit
nicht besteht."
"Bedeutet dass, dass Gott und ich eins sind?"
"Nicht eins, nicht zwei."
"Wie ist das möglich?"
Der Meister antwortete: "Die Sonne und ihr Licht, das Meer und
seine Wellen, der Sänger und sein Lied: Sie sind nicht ein und
dasselbe, und doch nicht zwei verschiedene Dinge."
(Erich Kaniok: Sleutels tot het hart, Uitgeverij Asoka, Rotterdam 2005,
S. 106, Übers. A.G. Paap)
Wenn man das wahre Wesen des Menschen zu ergründen sucht,
stößt man immer wieder auf Texte wie den obigen, in
Weltreligionen, Philosophien und mystischen Erzählungen. Was kann
diese kleine Geschichte zeigen? Und was kann durch eigene Erfahrung
bestätigt werden?
So einfach die Geschichte gemacht ist: Sie lässt eine tiefe
Wahrheit über das Wesen des Menschen sichtbar werden. Die Frage der
Schüler "Wie gelangt man zum Einssein mit Gott?" ist aus
dem Bewusstsein der Trennung gestellt, sie zeigt den Wunsch, etwas
für die Überwindung der Trennung zu tun. Doch der Meister
stellt diesem Wunsch die Behauptung entge-gen, dass Bemühungen des
Menschen seine Entfernung von Gott nur vergrößern.
Hier geht es um das Bewusstwerden einer bestimmten Art von Entfernung,
denn die Bemühungen eines Menschen auf einem spirituellen Pfad
führen vor allem zu einem vertieften Erleben seiner selbst und der
Welt: So mag es ihm oft so erscheinen, dass die Vielheit der Dinge und
er selbst mitten darin – ja alles, was er fühlt, denkt, wahrnimmt
und ist – zwischen ihm und Gott stehen. Er fühlt sich dann
einge-schlossen in seine Sinneswahrnehmungen und ins stoffgebundene
Denken. Ja, er lebt in einer gefallenen Welt... Und die Entfernung von
Gott scheint ins Unermess-liche zu wachsen.
Da hinein spricht der Meister seine Antwort von der Überwindung der
Entfernung: "Durch die Erkenntnis, dass diese Entfernung in
Wirklichkeit nicht besteht." Was kann man mit dieser Aussage
anfangen? Wie sollte man so etwas erkennen? Es ist müßig, nach
äußerlichen Grundlagen einer solchen Erkenntnis, die nur in
Erfahrung bestehen kann, zu suchen. Jeder Mensch kreuzt in seinem Leben
Punkte, an denen er diese Erfahrung macht – vielleicht gerade in
Momenten, in denen er die eigene Gefangenschaft in den Dingen dieser
Welt besonders schmerzhaft erfahren hat.
Es erhebt sich eine Kraft im Herzen, die zeigt, dass es ganz anders ist:
Da ist keine Entfernung. Alles ist eins. Nicht, weil alle Dinge eins
sind, sondern weil alles in Gott ist.
Momente wie diese sind für mich Schlaglichter auf meinem Weg – auf
dem Weg zur Lösung der Frage, wie es sein kann, dass Gott und ich
eins sind und wieder nicht. Und diese Frage wird mich mein Leben lang
begleiten, vielleicht sogar führen.