Ibn Arabi und die Graugänse
25.07.2007 von Amay Franck
Ich stand am Rand einer großen Wiese. Hunderte, vielleicht Tausende
von Graugänsen schnatterten wild durcheinander. Es war ein
ohrenbetäubender Lärm. Am nächsten Tag ging ich wieder an
die gleiche Stelle und machte eine merkwürdige Beobachtung. Mir kam
es so vor, als sei der Lärm geringer geworden, nicht leiser, aber
irgendwie weniger chaotisch.
Am dritten Tag passierte dann etwas Wunderbares. Immer
gleichmäßiger und einheitlicher wurde ihr Schnattern, es war,
als würden sie sich nach und nach alle auf einen Rhythmus einigen.
Nach einiger Zeit kam ihr Schnattern und Kreischen "wie aus einem
Schnabel" und sie erhoben sich alle gleichzeitig in den Himmel und
formierten sich zu einem riesigen Vogelzug.
Ich weiß nicht, ob das immer so abläuft, aber vielleicht ist
dies auch nicht so wichtig. Jedenfalls fand ich es so faszinierend, dass
die Gänse erst nach einem längeren Prozess, in dem sie sich
aufeinander einstimmten, ihren Rhythmus synchronisierten, in die Luft
flogen. Jeder musste etwas von sich aufgeben, jeder musste den anderen
hören, bis sie schließlich einen gemeinsamen Rhythmus fanden,
der ihnen vielleicht als Signal für den Aufbruch diente.
Unwillkürlich werde ich dabei an einen Satz von Ibn Arabi erinnert,
einem Mystiker und Theosophen aus dem maurischen Andalusien des 13.
Jh.:
Gott aber in seiner Einzigartigkeit bleibt unberührt von der Welt
und ist ausschließlich durch Spiegelungen zu ahnen, und so erkennt
Ihn jeder auf seine eigene Weise.
Mir wurde dieses Naturphänomen zum Symbol für einen Prozess,
der auch in uns Menschen ablaufen muss. Heißt es nicht, dass Gott
alle Dinge zu Symbolen macht, damit wir über die Wahrnehmung von
Alltäglichem Größeres verstehen lernen? Wenn ich nur
meinem eigenen Lied lausche, nur meiner eigenen Melodie und meinem
eigenen Rhythmus folge, dann finde ich auf allen Ebenen des Lebens
keine Harmonie. Keine Partnerschaft kann dann gelingen, das
Miteinander-Arbeiten wird erschwert und Konflikte sind an der
Tagesordnung.
Auf der geistigen Ebene ist es nicht anders. Es ist vielleicht wie bei
den Graugänsen. Ich muss mich über das Alltagsbewusstsein
erheben und mich auf meine innere Stimme einschwingen, muss in mich
hinein lauschen, bis mir dann klar wird, was mir die bunte Vielfalt der
Lebenssituationen in einem tieferen Sinne sagen will, bis ich mich
innerlich verbunden weiß mit dieser Art der Sprache und mit allen,
deren Seelenvögel sich erheben wollen in ihr ursprüngliches
Lichtreich.