Solowjew und der göttliche Faden
04.07.2007 von Burkhard Lewe
12 Kinder meiner Schulklasse sitzen im Kreis zusammen. Wir tauschen die
Erlebnisse vom Wochenende aus. Ein Kind hält jeweils den
Erzählstein in der Hand, die anderen versuchen zuzuhören.
Schon nach zwei Minuten haben vier Kinder keinen Blickkontakt mehr zum
Erzählkind, beschäftigen sich mit anderen Dingen oder lassen
sich vom Stuhl fallen. Nach ca. 10 Minuten müssen wir die
Erzählrunde abbrechen, weil für ein konzentriertes
Zuhören keine Aufmerksamkeit mehr herrscht.
Als Lehrer an einer Förderschule für Kinder mit
Kommunikations- und Wahrnehmungsstörungen beobachte ich
täglich, dass eine stark wachsende Zahl von Kindern nicht mehr in
der Lage ist, aufmerksam zuzuhören. Immer mehr junge Menschen
zeigen als Folge dieser mangelnden Fähigkeit ein Verhalten, das von
Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und psychischer Auffälligkeit
geprägt ist.
Ich habe den Eindruck gewonnen, dass in einer Welt der
Reizüberflutung eine Generation von Kindern und Jugendlichen
heranwächst, die im Bereich der Körper- und Sinneswahrnehmung
eindeutig degenerative Entwicklungstendenzen erkennen lässt. Und
dabei frage ich mich: Stecken nicht wir alle - auch wenn wir vielleicht
über ein halbwegs intaktes Sinnes- und Wahrnehmungsvermögen
verfügen - in einem viel zu groß geratenen Anzug, den wir noch
gar nicht ausfüllen können? Gibt es darüber hinaus nicht
auch noch "höhere Wahrnehmungsorgane", die in uns zur
Entfaltung kommen möchten, würden wir ihnen nur die rechte
Aufmerksamkeit schenken?
Eine große Faszination üben auf mich in diesem Zusammenhang
Gedanken aus, die Wladimir Solowjew (1853-1900), einer der bedeutendsten
Denker und Philosophen Russlands, zu diesem "Entdecken des
Innen" geäußert hat. In seinen Aufsätzen über
den "Sinn der Liebe" hat er eindringlich auf einen zentralen
Auftrag, das Freilegen des Göttlichen im Menschen, hingewiesen.
Solowjew war davon überzeugt, dass die Lebenswirklichkeit des
Menschen von einer göttlichen Idee durchdrungen ist, der Idee der
All-Einheit. Er vergleicht die Vielfalt des menschlichen Lebens mit
einem komplizierten, vielschichtigen Gewebe, in welches ein feiner
göttlicher Faden eingewoben ist. Das Göttliche im menschlichen
Leben ist in einem Moment sichtbar, im nächsten Moment wieder
unsichtbar. Es möchte erkannt und freigelegt werden. Nur für
den, der zu sehen und zu hören bereit ist, kann sich in der
Alltagswirklichkeit der "göttliche Faden", ein
göttlicher Auftrag offenbaren.
Der Mensch ist dann in der Lage, aus einer Vielzahl ganz
unterschiedlicher Stimmen, die in ihm und um ihn herum vernehmbar sind,
die eine göttliche Stimme aus dem Inneren herauszufiltern. Wird
diese göttliche Stimme wahrgenommen, so bekommen wir auch einen
Faden in die Hand, eine neue Leitlinie, die uns alles mit anderen Augen
betrachten lässt: unsere Mitmenschen in ihrem Ringen und
Bemühen und die Lebensumstände, die wie verborgene Fingerzeige
am Wege stehen.
Jeder Mensch ist nach meiner Überzeugung potentiell ein Wesen, das
in seinem Leben und in seinem Bewusstsein dieser inneren Schau Raum
geben kann. So gesehen kann unser Leben ein großes "Such- und
Hörrätsel" werden: In jedem Menschen, der uns in unserem
Leben begegnet, können wir auch eine Faser des "göttlichen
Fadens" aufspüren, einen Ton der "göttlichen
Urmelodie" heraushören, mag er sich selbst dessen auch noch
nicht bewusst sein.
Gerade das ist für mich auch Gnosis: das innerliche Erkennen des
"großen Gemeinsamen", das mich im innersten Kern mit jedem
anderen Menschen verbindet.