Herr der Ringe
20.06.2007 von Bettina Löber
Es gibt Worte, die man hört oder liest, und sie treffen direkt ins
Herz! Sie haben eine Kraft, die sie nie – oder lange nicht – verlieren.
So werden sie zu Wegbegleitern für eine bestimmte Phase des Lebens
oder für immer. Ich erinnere mich an mehrere solcher
"Wegbegleiter". Einer kam zu mir durch die Verfilmung des ;Herrn
der Ringe".
Schon seit ich achtzehn Jahre alt war, faszinierte mich Tolkiens
Geschichte von Frodo, dem kleinen Hobbit, der durch
Schicksalsfügung zum Ringträger wird und sich mit Hilfe seiner
Gefährten gegen den dunklen Herrscher Sauron stellt. Er ist weder
besonders stark noch besonders klug, aber trotzdem der geeignete
Ringträger. Ein ermutigender Gedanke – es kommt offenbar auf etwas
anderes an...
Dann kam vor ein paar Jahren der Film und ich ging ins Kino. Inmitten
der tiefsten Finsternis unter dem Berg von Moria hörte ich die
besonderen Worte. Frodo erlebt dort einen Moment der Verzweiflung und
sagt: "Ich wünschte, ich hätte den Ring nie bekommen. Ich
wünschte, ich hätte nie von ihm gehört." Und Gandalf,
der Zauberer, antwortet ihm: "Das sagen alle, denen ein solches
Schicksal auferlegt wurde. Aber es liegt nicht in ihrer Macht, das zu
entscheiden. Du musst nur entscheiden, was du mit der Zeit
anfängst, die dir gegeben ist!"
"Du musst nur entscheiden, was du mit der Zeit anfängst, die
dir gegeben ist." Noch immer denke ich oft an diesen Satz, denn er
stellt – so, wie ich ihn höre – den Menschen vor seine
Lebensaufgabe. Er hat etwas Radikales: Jede Stunde, jede Minute, jede
Sekunde kann und muss ich entscheiden, was ich mit der mir gegebenen
Zeit mache. Niemand kann sich einmal für einen Weg der inneren
Seelenentwicklung entscheiden - und damit ist es getan. Dieser Weg
enthält kraftvolle Impulse, durch die man mit dynamischen Schritten
vorwärts eilt, aber auch Phasen der Schwäche, des Zweifels und
der Mutlosigkeit. In einem kraftvollen Moment ist es nicht schwer zu
sagen: "Ja, ich möchte einen spirituellen Weg gehen. Das
äußere Leben kann nicht alles sein." Aber wenn sich
Probleme und Hindernisse vor die Füße stellen, wenn wir innere
Weichen stellen müssen, wenn wir einmal eine Durststrecke
durchstehen müssen, ist die Entscheidung schon nicht mehr so
einfach. Nicht umsonst beschreiben viele Mystiker den inneren Weg als
Pfad durch die Wüste.
Außerdem ist der Satz wie ein Spiegel, in den ich hinein blicken
kann, wenn die Dinge unscharf werden. Er führt mir vor Augen, wie
subtil die Frage der Zeit und des Handelns ist. Gerade in unseren Tagen
sagen die meisten: "Tut mir Leid, ich habe keine Zeit." Dann
entscheiden nicht wir über unsere Zeit, sondern die Zeit fängt
etwas mit uns an. Sie führt uns mit im Strudel der täglichen
Ereignisse und lässt uns nicht zur Besinnung kommen. Die rasende
Entwicklung unserer Tage verlangt von uns, dass wir uns für das,
was uns wichtig ist, Zeit nehmen. Was wir dann mit ihr tun, ist
ebenfalls eine subtile Angelegenheit. Jesus sagt in der Bibel: Ohne mich
könnt ihr nichts tun. (Joh. 5,15) Lao Tse weist auf die
Relativität unseres Tuns hin: "Mühselig und bequem bringen
einander hervor. Lang und kurz verursachen wechselseitig die
Unterschiede in der Form. Hoch und niedrig bringen ihre gegenseitige
Ungleichheit hervor. Vorher und nachher folgen aufeinander. Darum
hält sich der Weise an das Nicht-Tun."
Wenn ich in den Strudel der rasenden Zeit voller Ereignisse gerate und
dabei das innere Gleichgewicht immer mehr ins Wanken kommt, fallen mir
auf einmal die Worte wieder ein: "Du musst nur entscheiden, was du
mit der Zeit anfängst, die dir gegeben ist." Schlagartig komme
ich zur Besinnung und kann die innere Stimme, die Stimme der Seele
wieder vernehmen, die mich mahnt und vorwärts drängt.