Das Alpha und das Omega
14.12.2011 von Silke Kittler
Es ist einige Zeit her, da hatte ich mit einem Freund ein interessantes
Gespräch. Worum es im einzelnen ging, habe ich vergessen. Aber tief
in meiner Seele hatte ich etwas sehr Wahres erkannt – die Quintessenz –
und spontan hatte ich ausgerufen: "Das ist das A und O!! Das kann
nur so sein! - So ist es!" Und dann wurde mir bewusst, was ich
gesagt hatte.
Das "A und das O"; das Alpha und das Omega.
In dem A und O steckt die ganze Wahrheit. Das Alpha und das Omega sind
der erste und der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet. Sie
umschließen alle anderen Buchstaben. Sie sind die Eckpfeiler der
Sprache. Innerhalb der Sprache bewegt sich alles: Schriftzeichen,
Silben, Worte, Sätze, Geschichten, ja das ganze Leben der Menschen.
Die Sprache ist der Spiegel des Menschenlebens. Alles drückt sich
durch Sprache aus. Die Menschen sprechen. In der Sprache wird das
Erkannte niedergeschrieben. Die Völker sprechen in verschieden
Sprachen ... Manch einem verschlägt es die Sprache, er wird still
...
Wenn in der Bibel vom Alpha und Omega gesprochen wird, ist damit jedoch
noch viel mehr gemeint: Es geht nicht um den Anfang und das Ende eines
Menschenlebens oder einer Inkarnationsreihe oder kleinerer oder
größerer Zyklen, in die das Werdens und Vergehen eingebettet
sind.
Nein, Alpha und Omega umschließen den immensen Zeitzyklus, in dem
sich der Mensch außerhalb des göttlichen Lebens bewegt. Alpha
und Omega umfassen die gesamte Entwicklung durch viele Perioden und
Zyklen hin, in denen der Mensch seinen Erfahrungsweg durchschreitet. Es
ist ein Gang von Unbewusstheit über Bewusstwerdung bis hin zu dem
inneren Wissen, dass er vom göttlichen Leben abgetrennt ist.
Schließlich erwirbt der Mensch eine neue Haltung dem Leben
gegenüber, erlernt er eine neue Sprache. Er wendet sich seinem
eigenen inneren göttlichen Prinzip zu, dem Unaussprechlichen, ihm
gibt er sich hin.
Das Alpha war und ist das ursprüngliche göttliche Lebensfeld,
das der Mensch vor Urzeiten verlassen hat, um – von dualen Kräften
wie ein Spielball hin und her geworfen – Erfahrungen zu sammeln. Das
Omega ist die Vollendung der langen Reise, das Ende des Abgesondertseins
von Gott, die Erfüllung.
Alpha und Omega sind im Prinzip ein und dasselbe: sie sind die
ursprüngliche Heimat des Menschen. Der noch nicht selbst- und
gott-bewusste Mensch verließ "Alpha", um das Bewusstsein
seiner selbst und der Gottheit zu erhalten. Weit ist er dabei
hinabgestiegen – und er vergaß seinen Auftrag. Doch in
"Omega" wird er eines Tages, wenn die Erfahrungsreise vollendet
und die Ur-Erinnerung in ihm aufgestiegen ist, schließlich und
endlich wieder eintreten. Er erkennt Gott, die Welt und sich selbst,
Alpha und Omega, die Sprache der Gottheit.
Abbildung: Michelangelo Detail "Die Beseelung Adams"