Passionsfrüchte in Köln
30.09.2009 von Martin Greger
Dieses Kruzifix
steht im Kölner Dom
und stellt entgegen
der üblichen, bloß
leidenden Darstellung
von Christus
am Kreuz etwas
sehr Interessantes dar.
Man könnte es
die Doppelnatur
der Kreuzigung nennen.
Darstellungen der Kreuzigung sind keineswegs auf unsere christliche
Kultur beschränkt, sondern finden sich in allerlei vorchristlichen
und nicht mit dem Christentum verbundenen Kulturen. So hängt der
germanische Odin gleichermaßen am Kreuz wie der griechische
Dionysos. Es gibt auch vorchristliche Darstellungen aus Mexiko, bei
denen indianische Götter gekreuzigt sind.
Der Thüringer Gero war von 969 bis 976 Erzbischof des Erzbistums
Köln. Über Gero weiß Wikipedia zu berichten:
"Gero reiste 971 im Auftrag des Kaisers Otto I. nach Konstantinopel
(das heutige Istanbul), um eine Tochter des oströmischen Kaisers
als Braut für den Kaisersohn Otto, den späteren Kaiser Otto
II., zu vermitteln. Nach längeren Verhandlungen brachte er als
Braut schließlich die 12-jährige Kaisernichte Theophanu mit
ins Heilige Römische Reich. Theophanu hatte zahlreiche
Künstler und Handwerker in ihrem Gefolge, die zu dem wachsenden
Einfluss byzantinischer Kunst im Reich beitrugen".
Wie könnte man den im Gerokreuz angedeuteten byzantinischen
Hintergrund beschreiben? Ich nenne es die "Doppelnatur der
Kreuzigung".
Diese Doppelnatur weist auf das Wachstum des Ewigen Bewusstseins hin,
das mit dem raum-zeitlich-biologischen Bewusstsein ringt, welches
hierdurch leidet. Das Kreuz besteht aus dem
"materiell-dieseitig-horizontalen Balken", der von dem
"astral-jenseitigen-Balken" gekreuzt wird, wie er uns
während des Schlafes und im Tod entgegentritt.
Das Wesen der Passionsgeschichte ist aber die Auferstehung von diesem
zwanghaften Kreislauf in den zwei Hälften einer reduzierten Welt.
Mohammed nennt es, auf Jesus bezogen: "Gott hat ihn zu sich in den
Himmel erhoben."
Im dargestellten Gerokreuz zeigt sich der alte, ursprüngliche
Einfluss der griechischen Orthodoxie: Wir erkennen die Auferstehung im
flammenden goldenen Körper, der den zweifellos leidenden physischen
Körper umhüllt.
Aber auch die Juden kannten diese Art der Kreuzigung. Bereits 1000 Jahre
vor der historischen Passionsgeschichte schreibt Jesaja im 17. Kapitel
Vers 11:
"Zur Zeit des Pflanzens wirst du sein wohl warten, dass dein Same
zeitlich wachse; aber in der Ernte, wenn du die Mandeln sollst erben,
wirst du dafür Schmerzen eines Betrübten haben."
Der Jude Saulus, der zum christlichen Paulus wurde, beschreibt diese
Kreuzigung im 2. Korintherbrief Kapitel 4, Vers 17 bis 18:
"Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet
eine ewige und über alle Maßen wichtige HERRlichkeit uns, die
wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was
sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist
ewig."
Mohammed weist die Juden, die sich der Beseitigung eines Ketzers in
ihren Reihen rühmen, im Koran in der 4. Sure zurecht. Auch er kennt
die Doppelnatur der Kreuzigung und die Verherrlichung des Ewigen
Menschen, was in den Versen 157 und 158 deutlich wird:
"Sie sagten: Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und
Gesandten Gottes, getötet. Aber sie haben ihn in Wirklichkeit nicht
getötet und auch nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien es ihnen nur
so. Und diejenigen, die über ihn uneins sind, sind im Zweifel
über ihn. Und sie können nicht mit Gewissheit sagen, dass sie
ihn getötet haben. Nein, Gott hat ihn zu sich in den Himmel
erhoben, Gott ist mächtig und weise."
Was als goldenes flammendes Ei im Gerokreuz dargestellt wird, ist nichts
anderes als eine Fortführung der Mysterien der
angelsächsischen Göttin Ostara. Das christliche Osterfest hat
ihren Namen erhalten. Das goldene Ei symbolisiert die Befruchtung eines
in der Endlosschleife von Diesseits und Jenseits gefangenen Menschen
(Kreuz) durch ein ewiges Bewusstsein, welches sich in einer viele Meter
großen Kugel um den biologischen Menschen herum befindet.Es ist die
Fruchtbarkeit, die zu einem Allgegenwärtigkeitsbewusstsein
führen will (beginnend als goldenes Ei).
Die Heilung von Besessenen und die Austreibung von Geistern in den
Evangelien zeigt allerdings, dass in dieser Kugel noch sehr viele
Dämonen hausen, von denen der Mensch befreit werden muss, ehe er,
verwandelt, diesen Neuen Himmel und die Neue Erde bewohnen kann.
Der materiell-astrale Mensch schafft sich nämlich allerlei mentale
Bauwerke, die er durch seine Wünsche wachsen lassen kann. Man
sollte diese Bauwerke nicht durch Kritik einreißen.Aber der Mensch
der Kreuzigung und Auferstehung, der die andere Welt kennen lernt, der
sich nach ihr sehnt, der in ihr wächst, hat die alte Welt als sehr
begrenzt und leidvoll erkannt. Er fängt an, Schriftgelehrte mit
dieser Realität zu konfrontierten. Dabei ist er keinesfalls der
süßlich-leidende Sandalenträger mit Löchern in
Händen und Füßen, den uns sentimentale
Passionsgeschichten suggerieren.
Das Feuerkleid des Neuen Menschen, so sagt das 10. Buch des Corpus
Hermeticum, erzeugt andere Bauwerke und da bleibt der Respekt des
Menschen in der Auferstehung vor den Bauwerken des alten Menschen doch
sehr begrenzt.
Das Corpus Hermeticum beschreibt dies so:
"Der Geist ist das schnellste und durchdringendste von allem, was
Gott erdacht hat, und benutzt als Körper das schnellste und
durchdringendste aller Elemente, das Feuer. Der Geist ist der
Schöpfer aller Dinge, und als Werkzeug für seine
Schöpfung benutzt er das Feuer. Der Geist des Alls ist
Schöpfer aller Dinge; der menschliche Geist ist nur Schöpfer
der Dinge auf Erden. Denn entkleidet des Feuers, kann der im Menschen
wohnende Geist nicht das Göttliche schaffen, weil er durch seine
Wohnung menschlich ist. Die menschliche Seele, allerdings nicht jede,
sondern nur die fromme, ist in gewisser Weise von dämonischer und
göttlicher Natur.Und eine solche Seele wird nach der Trennung vom
Körper ganz Geist, nachdem sie den Kampf um die Frömmigkeit
bestanden hat - der Kampf um die Frömmigkeit besteht darin, das
Göttliche zu erkennen und keinem Menschen Unrecht zu tun".
Die Kreuzigung, die zur Auferstehung führt, stellt den Menschen an
einen Scheideweg: er erlebt eine äußere, relative Welt und
eine Innere Absolute. Kennzeichen der Kreuzigung ist daher für das
äußere Bewusstsein Leid und Verlassenheit und für das
Innere Bewusstsein Verherrlichung und Auferstehung.
Eli, Eli, lamah asabthani in Matth. 27, 46 und Mark. 15, 34 drückt
den Schrei des sterbenden, aufs Äußere gerichtete Bewusstseins
und zugleich das Aufgehen in Gott aus.