Die muslimischen Mystiker, die Sufiya
27.05.2009 von Hermann Achenbach
Im Rahmen einer Beschäftigung mit dem Islam hat das Sufitum mein
besonderes Interesse erweckt. Die Situation ist unübersichtlich und
kompliziert. Zahllose Gruppierungen existieren, eine nicht zu
überschauende Vielfalt von Sufi-Orden. Die arabischen Sufiya oder
die persischen Sufiyan gehören den muslimischen Mystikergruppen an,
die sich zu den Regeln des "Tasawwuf" bekennen.
Die Herkunft des Wortes Sufi ist nicht eindeutig. Die im Westen oft
vertretene Ableitung vom griechischen sophos, weise, ist philologisch
nicht haltbar. Einige leiten den Namen von dem arabischen Wort für
Reinheit (safa) ab. Meist wird jetzt die Ableitung von suf, Wolle,
akzeptiert, denn das grobe Wollgewand der ersten Asketen war ihr
besonderes Kennzeichen. Auch hat es in früheren Zeiten einen
arabischen Stamm, die Sufa, gegeben, der sich vom Weltlichen
zurückzog und dem Tempeldienst in Mekka widmete.
Bekannte Namen, die zu den geistigen Impulsgebern des Sufitums
gehören, sind: Dschellaleddin Rumi, Ibn Al-Arabi und Al-Ghassali.
Rumi, 1273 in Afghanistan geboren, gilt als einer der größten
Mystiker der arabischen Welt, der mit seinem "Orden der tanzenden
Derwische" bekannt wurde. Dieser Orden war zu Rumis Zeit, aber auch
Jahrhunderte später Zuflucht für alle, die vor engstirnigem
religiösen Fanatismus flohen. Toleranz, Offenheit, Wärme und
Liebe machten Rumi nicht nur im islamischen Bereich, sondern auch in
seiner christlichen und jüdischen Umgebung beliebt. Er
hinterließ ein umfangreiches poetisches Werk.
Ibn Al-Arabi, geboren 1164, war ein spanisch-arabischer Mystiker. Er
studierte in Sevilla und ließ sich im 13. Jh. in Damaskus nieder.
In seinen "Mekkanischen Offenbarungen" beschreibt er seine
pantheistische Weltanschauung. Er verschmilzt platonische Weltvernunft
mit dem "Licht Mohammeds", aus dem die Menschen erschaffen
wurden. Einer der Kernsätze Al-Arabis war: "Wer sich selbst
kennt, kennt seinen Schöpfer!"
Der 1058 geborene Perser Al-Ghassali war ein hervorragender Philosoph
und Theologe, der über ein umfassendes Wissen von sämtlichen
Schulen und Glaubensrichtungen verfügte. Als Inhaber einer
Professur in Bagdad prüfte er kritisch alle Lehren und gelangte zum
Sufismus. Seine Erkenntnis war, dass jeder Mensch ein Organ besitzt, das
aus der göttlichen Welt stammt und das ihn mit der Gotteserkenntnis
und der Liebe zu Gott verbindet. Diese verborgene göttliche
Substanz nennt er das "Herz". Von ihr geht die Sehnsucht des
Menschen aus, da sie in die Heimat zurückkehren will. Die im
Fleische gefesselte Substanz werde durch alchemische Läuterung auf
dem mystischen Pfad stufenweise ans Licht gebracht.
Wie kann man das Sufitum charakterisieren?
Kernbedingung für die sufische Erfahrung ist das "Bei Null
anfangen"! Dies beinhaltet das Aufgeben des gesamten Weltbildes und
der eigenen Wertestruktur. Ferner ist es notwendig, jede
Gottesvorstellung als Erklärung der menschlichen Existenz
außer Acht zu lassen. Religion als Erklärung der
Sinnhaftigkeit des Seins ist falsch. Nur durch eine solche Grundhaltung
ist der Zugang zu Tasawwuf zu erreichen. Tasawwuf ist zu umschreiben als
das Beiseitelassen aller Phantasievorstellungen, wie Geschichte, Klasse
und Individualität. Das Subjekt von Tasawwuf ist der Mensch auf dem
Pfad, ist die Wirklichkeit. Tasawwuf beginnt mit der Bejahung des EINEN.
Tasawwuf ist die Wissenschaft von der Einheit. Das Wesen des Menschen
werde im augenblicklichen Zustand nicht verstanden; der jetzige Zustand
sei eine fortdauernde Halluzination. Wenn es den Menschen danach
verlange, die Wirklichkeit zu erkennen, müsse er sich selbst
erkennen. Der Mensch sei der einzige Schlüssel zur Wirklichkeit.
Die Tasawwuf-Erfahrung beginne mit der Aufgabe aller eitlen
Vorstellungen und aller Vorurteile.
Erfahrungen dieser Art erschließen sich nicht ohne Weiteres. Sie
sind Kennzeichen eines spirituellen Weges. Versuchen wir nur einmal,
eine gedankliche oder gefühlsmäßige Vorstellung als
Vorurteil zu identifizieren und dann dieses Vorurteil aufzugeben ...
Die Tasawwuf-Erfahrung hat u. a. zum Ziel, den
Sünde-Buße-Schuld-Mechanismus abzulegen. Gelänge dies,
könnte eine schwere Last der Menschheit, die für
Hoffnungslosigkeit und Neurose steht, geschwächt, gemildert,
vielleicht sogar eliminiert werden.
Die sufische Erfahrungslehre verfolgt mit diesen Ansätzen die
demütige Einordnung unter Mohammed, der vom Heiligen Geist
(Erzengel Gabriel) inspiriert wurde. Er sagte u. a., er sei
"gesandt, um zu vergeben, nicht, um zu verfluchen." Er sei
"gesandt, die edlen Eigenschaften des Charakters zu
vervollkommnen." "Stirb, bevor du stirbst!" Damit wird eine
tief gnostische Zielsetzung angesprochen, deren Inhalt es ist, durch
Einstrahlung der göttlichen Kräfte das Ich zu entmachten
(sterben zu lassen), damit das wahre göttliche Ich im Herzen des
Systems erwachen und wirken kann. Und dieser Schritt findet statt, bevor
der Mensch seinen physischen Tod erleidet.
Erahnen wir die Freude, die eine spirituelle Lebensaufgabe uns schenken
kann! Dann kann man sich sogar einen Derwisch- oder Fakir-Tanz der
Freude vorstellen, einen Tanz, der eine geheiligte Sphäre
eröffnet.
Abbildung: Derwische, wikimedia, urheberrechtsfrei