"Ach, bliebe Blütenduft in meinen Kleidern hängen...."
12.05.2010 von Amay Franck
"Warum bin ich vergänglich, o Zeus?"
so fragte die Schönheit.
"Mach ich doch",
sagte der Gott,
"nur das Vergängliche schön."
Und die Liebe, die Blumen, der Tau
und die Jugend vernahmen`s;
alle gingen sie weg, weinend,
von Jupiters Thron.
(Goethe)
Nur das Vergängliche sei schön?
Sagen wir nicht gerade oft das Gegenteil? Alles Schöne ist
vergänglich? Das leuchtet sofort ein, die Liebe, die Blumen, der
Tau und die Jugend, sie ändern sich, vergehen, verschwinden.
Resignation bleibt dann zurück und wir seufzen "ach ja, alles
Schöne ist eben vergänglich".
Aber Goethe lässt Zeus sagen, dass er nur das Vergängliche
schön macht. Er hätte es doch anders gekonnt - offenbar wollte
er es so. Warum - oder besser gefragt - wozu?
Wo ich wohne, blühen im Frühjahr tausende Kirschbäume.
Gegen Abend erfüllt ein zarter Duft die Luft. Unbemerkt schlich
sich eine Zeile in mein Bewusstsein: "Ach - bliebe Blütenduft
in meinen Kleidern hängen ..."
Ich spürte, wie mich die Vergänglichkeit des Schönen
schmerzte. Niemand kann diesen wunderbaren Duft konservieren.
Aber ist er deshalb so schön, weil er vergänglich ist?
Alles in mir sträubt sich. Ich will das Schöne festhalten.
Dann aber spüre ich: Der Gedanke, dass das Schöne bald zuende
sein wird, trübt meine Wahrnehmung, die Freude nimmt ab.
"Macht ich doch nur das Vergängliche schön" ...
Könnte es sein, dass Goethe hier auf eine tiefe Wahrheit
hingewiesen hat - dass wir die Schönheit nur genießen
können, wenn wir uns mit der Vergänglichkeit einverstanden
erklärt haben?
Und könnte nicht auch sein, dass er - unausgesprochen - darauf
hinweisen wollte, dass Unvergängliches nicht mehr unserer Bewertung
von schön und nicht schön unterliegt?
Dass es jenseits von diesen Urteilen liegt?
Jenseits von allen Gegensätzen?
Foto: Hermann Achenbach