Eine Parabel
17.02.2010 von Christa Zuch
Es war eine Zeit, wo die Menschen sich mit dem, was die Natur brachte,
behelfen und von Eicheln und anderer harter Kost leben mussten.
Da kam ein Mann mit Namen Osiris von ferne her und sprach zu ihnen:
"Es gibt eine bessere Kost für den Menschen und eine Kunst, sie
immer
reichlich zu schaffen; und ich komme, euch das Geheimnis zu lehren".
Und er lehrte sie das Geheimnis und richtete einen Acker vor ihnen zu
und sagte: "Seht, das müsst ihr tun! Und das Übrige tun
die Einflüsse des Himmels!" Die Saat ging auf und wuchs und
brachte Frucht, und die Menschen waren des sehr verwundert und erfreuet
und bebauten den Acker fleißig und mit großem Nutzen. In der
Folge fanden einige von ihnen den Bau zu simpel, und sie mochten die
Beschwerlichkeiten der freien Luft und Jahreszeiten nicht ertragen.
Kommt, sprachen sie, lasst uns den Acker regelrecht und nach der Kunst
mit Wand und Mauern einfassen und ein Gewölbe darüber machen
und dann darunter mit Anstand und aller Bequemlichkeit den Ackerbau
treiben; die Einflüsse des Himmels werden nicht so nötig sein,
und überdies sieht sie kein Mensch. Aber, sagten andere, Osiris
ließ den Himmel offen und sagte: "Das müsst ihr tun! Und
das Übrige tun die Einflüsse des Himmels!" Das tat er nur,
antworteten sie, den Ackerbau in Gang zu bringen; auch kann man noch den
Himmel an das Gewölbe malen. Sie fassten darauf ihren Acker
regelrecht und nach der Kunst mit Wand und Mauern ein, machten ein
Gewölbe darüber und malten den Himmel daran. - Und die Saat
wollte nicht wachsen! Und sie bauten und pflügten und düngten
und ackerten hin und her. - Und die Saat wollte nicht wachsen! Und sie
ackerten hin und her. Und viele von denen, die umher standen und ihnen
zusahen, spotteten über sie! Und am Ende auch über den Osiris
und sein Geheimnis.
(Matthias Claudius)
Ist es nicht erstaunlich, dass Matthias Claudius (1740-1815), bekannt
geworden durch seinen "Wandsbecker Boten" und seine
christlich-religiösen Schriften und Gedichte, Osiris als
göttlichen Sendboten anführt? Grundströmungen
universeller Weisheit durchziehen die Geschichte. Osiris war es auch,
der die Zauberflöte in Mozarts Oper aus einer tausendjährigen
Eiche erschaffen hat.
Abbildung: Matthias Claudius