Stadt aus Gold
23.12.2009 von Claudia Döhring
In den populären Radiosendern (z.B. 1 Live) kann man derzeit
zunehmend Popsongs - abgemischt mit eher leichter Musik - mit
nachdenklichen, kritischen Texten zur Lebensausrichtung der heutigen
Menschheit anhören.
Es erscheint wie ein Bewusstseinssprung in der deutschen Popbranche.
Tiefsinnige Balladen auf der Suche nach Liebe gab es in der Musikwelt
schon immer - doch derzeit kommt etwas Neues dazu:
Sehr deutlich beschreiben Interpreten des Pop Phänomene unserer
Welt - die wohl die meisten Menschen ahnen oder sogar kennen - die aber
bisher nur von wenigen so deutlich thematisiert werden:
1. Eine zunehmende Kälte und abnehmende Verbindlichkeit der
Menschen untereinander.
2. Das klare Erkennen einer Lebensausrichtung, die u.a. auch tendenziell
zur Zerstörung unseres Lebensfeldes - unserer Welt - führen
kann.
3. Die immer tiefer bewusst werdende Sehnsucht nach einem Ausweg.
Ein Beispiel dafür ist der derzeitige "Ohrwurm" Stadt von
Cassandra Steen und Adel Tawil:
"Es ist so viel, soviel zu viel.
Überall Reklame.
Zuviel Brot und zuviel Spiel.
Das Glück hat keinen Namen.
Alle Straßen sind befahren.
In den Herzen kalte Bilder.
Keiner kann Gedanken lesen.
Das Klima wird milder.
Refrain:
Ich bau ne Stadt für dich,
aus Glas und Gold und Stein.
Und jede Straße die hinausführt,
führt auch wieder rein.
Ich bau eine Stadt für dich - und für mich.
Keiner weiß mehr, wie er aussieht - oder wie er heißt.
Alle sind hier auf der Flucht - die Tränen sind aus Eis.
Es muss doch auch anders gehen - so geht das nicht weiter!
Wo find ich Halt, wo find ich Schutz - der Himmel ist aus Blei hier.
Ich geb keine Antwort mehr - auf die falschen Fragen!
Die Zeit ist rasend schnell verspielt - und das Glück muss man
jagen.
Cassandra: Eine Stadt, in der es keine Angst gibt, nur Vertrauen.
Adel: Wo wir die Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbauen.
Cassandra: Wo das Licht nicht erlischt.
Adel: Das Wasser hellt.
Cassandra: Und jedes Morgengrauen,
Adel: und der Traum sich lohnt.
Cassandra: Und wo jeder Blick durch Zeit und Raum in unsere Herzen
fließt."
Hört man diesem Lied tiefer zu, hebt sich dieser Song über die
Ebene eines gewöhnlichen Liebesliedes zweier Menschen hinaus.
Hier eine mögliche Interpretation:
"Es ist so viel, soviel zu viel.
Überall Reklame.
Zuviel Brot und zuviel Spiel.
Das Glück hat keinen Namen.
Alle Straßen sind befahren.
In den Herzen kalte Bilder.
Keiner kann Gedanken lesen.
Das Klima wird milder."
Die ersten beiden Strophen beschreiben eine zunehmende
Veräußerlichung des Lebens. Der Konsum in unseren Ländern
bietet nahezu grenzenlose Möglichkeiten - wirkliches Glück
jedoch ist schwer zu finden. Es ist unbekannt - es hat keinen Namen.
Es fehlt eine Ernsthaftigkeit im Sinne von Tiefe. Die Herzen der
Menschen berühren einander nur selten. Das Wissen um den wahren
Sinn des Lebens ist dem Menschen abhanden gekommen. So sind dann auch
die Bilder seines Herzens kalt - es fehlt ihnen an Wärme und
Lebendigkeit. Das Herz kristallisiert zunehmend, es vibriert keine
tiefere Lebendigkeit in ihm. Einen Menschen zu verstehen, scheint immer
schwieriger zu werden.
Refrain:
Ich bau ne Stadt für dich,
aus Glas und Gold und Stein.
Und jede Straße die hinausführt,
führt auch wieder rein,
Ich bau eine Stadt für dich - und für mich.
Doch eine Veränderung, eine Umkehr ist möglich. Eine NEUE
Stadt kann erbaut werden. Die Stadt ist hier Symbol für ein ganz
anderes Lebensfeld. Hier gelten andere Gesetze als die bisher
erfahrenen: Die Stadt besteht aus Glas (Transparenz, Anmut), Gold (etwas
sehr Wertvolles - ein wahrer Wert, das Gold des Geistes) und auch Stein
(eine solide Basis, Halt). Eine Stadt entsteht aus vielen Menschen, die
miteinander leben. Die Stadt aus Glas und Gold besteht aus Menschen mit
einem erneuerten Bewusstsein.
Ein höheres Bewusstsein muss zugleich einem höheren Lebensfeld
angehören - mit ihm in Verbindung stehen. Die Mitglieder dieser
Gemeinschaft sind geborgen. Jeder geht seine Erfahrungs- und Lebenswege,
erfüllt seine Aufgaben (Straßen, die hinaus führen),
bleibt aber mit dem Kern der Gemeinschaft in Liebe verbunden (die
Straßen führen wieder hinein). Und diese Stadt ist für
alle erbaut, "für dich - und für mich."
"Keiner weiß mehr, wie er aussieht - oder wie er heißt.
Alle sind hier auf der Flucht - die Tränen sind aus Eis.
Es muss doch auch anders gehen - so geht das nicht weiter!
Wo find ich Halt, wo find ich Schutz - der Himmel ist aus Blei hier.
Ich geb keine Antwort mehr - auf die falschen Fragen!
Die Zeit ist rasend schnell verspielt - und das Glück muss man
jagen".
Es ist wie ein Spiegel, der dem Menschen vorgehalten wird:
Er hat seine wahre Identität verloren. Er hat keinen Namen mehr,
verliert sich im Bedeutungslosen - und ist auf der Flucht vor dieser
ängstigenden Erkenntnis. Der Schmerz kann kaum zugelassen werden -
Tränen sind aus Eis. So geht es nicht weiter.
Doch das tiefere Wissen, dass es eine Rettung gibt, funkelt gelegentlich
wie ein Sonnenstrahl in unser Bewusstsein - und zwar dann, wenn der
Mensch keine Antworten mehr auf die falschen Fragen gibt!
So ein Mensch erlebt seine egozentrisch orientierte Lebenshaltung als
Behinderung für seine tiefere Lebensbestimmung. Sie blockiert die
lebendige Wirklichkeit, die in ihm selbst liegt - in seinem innersten
Wesen. Als Folge darauf kann es geschehen, dass ein Mensch nicht mehr
auf das Drängen des egozentrischen Selbstes reagiert. Dieser
Bewusstwerdungsprozess hat eingreifende Folgen: Das Ego-Selbst wird
weniger genährt und somit schwächer. Zugleich wird unser
innerstes Wesen mehr und mehr bewusst - und schließlich der
bestimmende Faktor in unserem Leben.
Die neue Freiheit des inneren Menschen wird hier in einer Vision der
neuen Stadt gezeigt:
Cassandra: Eine Stadt, in der es keine Angst gibt, nur Vertrauen.
Adel: Wo wir die Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbauen.
Cassandra: Wo das Licht nicht erlischt.
Adel: Das Wasser hellt.
Cassandra: Und jedes Morgengrauen,
Adel: und der Traum sich lohnt.
Cassandra: Und wo jeder Blick durch Zeit und Raum in unsere Herzen
fließt.
Es ist die Vision eines Lebens in vollkommender Harmonie (Vertrauen),
einer absoluten Fülle und Achtsamkeit gegenüber allem
Lebendigem.
Das Licht strahlt in Ewigkeit - es existiert keine Dunkelheit. Denn das
Licht verlöscht niemals.
Das Wasser des Lebens schafft eine vollkommen reine Atmosphäre.
Das Leben ist vollkommene Einheit mit allem Leben.
"Jeder Blick durch Zeit und Raum fließt in unsere Herzen".
Ob die Interpreten wissen, dass der Weg zu dieser Stadt in Wahrheit
existiert?
Musikvideo
"Stadt" von Cassandra Steen und Adel Tawil
Nachhörbar und -fühlbar im Internet unter:
http://www.youtube.com/watch?v=jG1lujlMMsg
Musikvideo
Weiterer Hör- und Sehtip "Schöne Neue Welt" von Culcha
Candela
http://www.youtube.com/watch?v=SZR6Jfr3--0
Gemälde: Johfra Ausschnitt Pforte des Saturn