Eine wundersame Geschichte
10.09.2008 von Christel Maria Achenbach
"Erst wenn Tag und Nacht vereint sich zeigen, löst sich auf der
böse Reigen", so wispern leise Stimmen im Schilf eines
verträumt liegenden Alpensees. Dort hat sich vor vielen Jahren eine
Geschichte zugetragen, die ich auf einer Reise dorthin erzählt
bekam: Sie handelt von einem jungen Liebespaar, das zu der Zeit lebte,
als noch keine Brücke Nord- und Südufer verband. Also konnten
sie nur mit Booten und Flößen zueinander gelangen, denn die
junge Frau wohnte am Südufer, während ihr Liebster am Nordufer
zu Hause war. Damals bevölkerten noch böse Hexen die dunklen
Berghänge. Sie beneideten das Glück der beiden und schmiedeten
einen hinterlistigen Plan, um die Hochzeit zu verhindern. Sie
verwandelten alle Boote und Flöße in riesige Seeforellen, die
sogleich in die Tiefe des Sees tauchten. So konnte die
Hochzeitsgesellschaft nicht über den See gelangen. Große
Traurigkeit breitete sich nun in den beiden Dörfern aus. Von diesem
Unglück erfuhren auch die saligen Frauen, die in einer Höhle
an einem heiligen Ort wohnten und über das Schicksal der Bewohner
des Tales wachten. Sie verrieten das Geheimnis, von welchem das
Glück des Paares abhing: "Der Fluch findet nur ein Ende, wenn
sich Sonne und Mond küssen", so lautete ihre Botschaft. Nun
bemühten sich Braut und Bräutigam, Helfer zu finden, um den
Bann zu brechen. Der Hirsch versuchte, den Vollmond mit seinem Geweih
festzuhalten, bis die Sonne aufging. Vergebens. Sieben Raben stiegen zur
Sonne hinauf, um einen Kuss für den Mond zu erbitten. Doch der
Sonne gleißende Strahlen bleichte ihre Federn und schickte sie
unverrichteter Dinge als Möwen zurück. Die Liebenden gaben
jedoch nicht auf. Sie schnitzten sich Weidenflöten und bliesen
darauf sehnsüchtige Melodien, die der Wind von Ufer zu Ufer wehte.
Alles lauschte gerührt, sogar der Mond, und er begann
schließlich silberne Tränen zu weinen, die in den See fielen
und die Uferbuchten strahlend weiß färbten. Gegen Morgen
ermüdete die Braut, ihr Bräutigam spielte jedoch
unermüdlich weiter, bis kleine Blutstropfen auf seinen Fingern
schimmerten. Die aufgehende Sonne errötete über die
außergewöhnlich große Liebe und ihr purpurner
Himmelsschleier verschmolz wie in einem zärtlichen Kuss mit dem
mondgetränkten See, und für ein paar Augenblicke verschwand
die Grenze zwischen Tag und Nacht durch den Sieg der Liebe. Aus dem
schäumenden Wasser erhob sich auf wundersame Weise ein Regenbogen,
einer Brücke gleich, und ermöglichte so die Hochzeit der
beiden. Der böse Zauber war gebrochen, weil Morgenrot und
Silbermond sich küssten.
In diesem Märchen sind, wie in allen guten "Mären",
Geheimnisse und Weisheiten verborgen, die von Generation zu Generation
weiter getragen werden. Am Ufer des Sees sitzend fällt es mir
leicht, mich auf das Geheimnis einzulassen und seiner Botschaft zu
lauschen. Vor mir liegen die beiden Bergrücken, auf denen die
dunklen und auch die hellen, gütigen Kräfte wohnen, die uns
Menschen nur all zu gut bekannt sind, denn bestimmen sie nicht
ständig unser Leben? Und wenn uns das Schicksal nicht gut gesonnen
ist, suchen wir dann nicht allzu oft nach Lösungen und hoffen auf
Hilfe von außen? Solange wir uns nicht selbst auf den Weg machen
und den sieben Vögeln gleich über den Alltag erheben,
können wir uns nicht dem Licht nähern, das unser Dunkel
erhellen kann. Erst als die beiden Liebenden ihr Schicksal selbst in die
Hand nehmen und für sie nichts wichtiger ist als das Vereint sein,
ihre Hochzeit, geschieht das Wunder, das die Kräfte dieser
Naturordnung aus den Angeln hebt. In mir steigt das Bild aus der
alchimischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz auf. Braut und
Bräutigam, Seele und Geist, können auch hier nach einer Zeit
der Reinigung und Läuterung Hochzeit feiern. Die sich sehnende
Seele erhebt sich aus den Orten dieser Natur, wendet sich dem Licht zu
und findet den Geist. Wie im Märchen kommen ihr die helfenden
sieben Strahlen entgegen und bauen ihr eine Brücke.
"Erst wenn Tag und Nacht vereint sich zeigen - wenn Morgenrot
Silbermond küsst - löst sich auf der böse Reigen".
Durch die Liebe werden die Behinderungen dieser Welt aufgehoben und kann
das Wunder geschehen. Über dem Wasser erscheint der Regenbogen,
erstrahlt in seinen sieben Farben als Brücke, als Möglichkeit,
und lädt zur Hochzeit ein.