Der Mystiker Rumi und das kostbare Juwel
01.08.2007 von Bettina Löber
Es wird Abend. Vom Balkon unserer Ferienwohnung aus sehe ich den lang
gezogenen, mächtigen Bergrücken gegenüber immer dunkler
werden. Sein Grün wird schwächer und schwächer, als die
Sonne hinter ihm verschwindet. Je dunkler er wird, um so gewaltiger
wirkt er, fast ein wenig bedrohlich.
Jetzt ist er schwarz; und hinter ihm leuchtet in starkem Kontrast
türkisfarben der Himmel, durch die Sonne erleuchtet von einem
Horizont aus, den wir nicht sehen können. Nun ist es fast ganz
dunkel. Und da ist es wieder, das einsame, einzige Licht, das winzig
klein aus der Schwärze des Berges heraus leuchtet. Nur dieses eine
kleine Gehöft, vielleicht nur ein einziger Mensch lebt da
drüben in der Einsamkeit, sonst ist alles schwarz.
Dann wende ich mich wieder meiner Lektüre zu, dem islamischen
Mystiker Dschalal ad-Din Rumi, der im 13. Jahrhundert in seinem
herrlichen Mathnawi schrieb:
Im Herzblut ruht ein Edelstein, der Meer und Himmel nicht gegeben wurde.
Wie lange noch äußere Form? Ist nach alledem, o Diener der
Form, deine Seele der Form nicht entflohen? Das Bild an der Wand gleicht
einem Menschen. Betrachte die Form und sieh, was ihm fehlt. Der Geist
fehlt dieser prächtigen Form. Geh, suche dieses kostbare Juwel!
Mir kommt wieder der Gedanke, dass der Mensch, so wie er heute ist und
lebt, nicht vollkommen ist. Ob er nun versteht, warum er als "Bild
Gottes" geschaffen wurde, wie es im 1. Buch Mose heißt, oder
nicht, finde ich nicht entscheidend. Dass ihm in seinem jetzigen Zustand
aber noch etwas Wesentliches fehlt, das kann er erfahren,
empfinden. Was ist es denn in ihm, das sich nicht abfinden will mit
der Sterblichkeit? Was treibt ihn dazu, nach dem Sinn des Lebens zu
fragen?
Und dann lese ich bei Rumi in seinem berühmten Lied von der
Rohrflöte:
Hör auf die Flöte – wie sie erzählt, wie sie klagt
über Trennung und spricht: "Seit man mich vom Röhricht
schnitt, weinen Mann und Frau bei meiner Klage. Ich suche ein Herz, von
Einsamkeit gequält: dem will ich vom Schmerz der Sehnsucht
erzählen." Wer weit entfernt von seinem Ursprung ist, der sehnt
sich zurück nach der Zeit der Einheit.
So weist Rumi in poetisch leuchtenden Worten auf das Licht der
göttlichen Welt hin, das in der Finsternis strahlt, um den Menschen
zu seiner wahren Bestimmung zu führen: Lichtmensch zu sein. Und mit
einem letzten Blick auf das kleine, schimmernde Licht am Berghang
gegenüber denke ich: Welch unermesslicher Schatz ist dieses uralte
Wissen für den Menschen, der sich aufmacht, der Stimme der
Sehnsucht zu folgen und das kostbare Juwel, das in seinem Herzen
verborgen ist, zu suchen.