„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“
08.02.2012 von Cornelia Vierkant
Dieser Ausspruch stammt von dem Philosophen Ludwig Wittgenstein
(1889-1951). Von ihm gibt es umfangreiche Betrachtungen zur Philosophie
der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Er ist der Ansicht, dass
philosophische Arbeit vielfach eine Arbeit am eigenen Selbst ist,
vergleichbar einer Therapie.
Hieran möchte ich anknüpfen und in mir nachspüren, welche
Assoziationen der zitierte Ausspruch in mir auslöst.
Welcher Fall könnte gemeint sein?
Sind es die Fakten, die uns bekannt sind, also die "realen
Gegebenheiten" der materiellen Welt? Oder sind damit die
Wechsel-Fälle des Lebens gemeint?
Alles in der Welt ist "der Fall". In den Mythen wird vom Fall
des Menschen gesprochen. Es heißt, dass der Mensch als
ursprünglich, göttlicher Mikrokosmos in das Jetzt der Zeiten,
in das diametrale Feld dieses Bestehens fiel.
Zu den Konsequenzen dieses Falles gehört es, dass wir uns als
gefallene menschliche Wesen keine genaue Vorstellung von dem Zustand
machen können, der "vor dem Fall" bestand.
Um was für eine Seinszustand könnte es sich dabei gehandelt
haben? Ließe sich davon im Heute noch etwas realisieren? Immer
wieder haben Menschen darauf gehofft, dass das Paradies hier auf Erden
errichtet werden kann. Das Scheitern der vielen Versuche ist
offensichtlich. Das Paradies gehört zu einer anderen
Bestehensordnung an. Es hat nichts gemeinsam mit dem
"gefallenen" Zustand dieser Welt. Und so ergeht es auch dem
heutigen Menschen.
Wenn wir an den Garten Eden denken, besteht die Gefahr, dass wir uns
Adam und Eva in einer Menschengestalt vorstellen, wie wir sie heute
besitzen. Wir projizieren dann das Ergebnis des Falles auf die Zeit vor
dem Fall.
Doch Adam und Eva sind geistig-seelische Wesenheiten in einem für
uns nicht vorstellbaren Körper ätherischer Art. Sie lebten in
einem Zustand der Unbewusstheit oder Halbbewusstheit, eingebettet in die
Kräfte des göttlichen Urprinzips und der ursprünglichen
Substanz.
Die biblische Mythe berichtet, dass sie Früchte vom "Baum der
Erkenntnis des Guten und Bösen" aßen. Dadurch setzten sie
eine Entwicklung in Gang, die zu unserer jetzigen stofflichen
Körperlichkeit führte sowie zu unserem Ich- und
Selbstbewusstsein. Vielleicht bestand das "Essen" dieser
Früchte in einer Hinwendung zum Körperlichen. Vielleicht
bestand es darin, dass sie die Materie, den Stoff, die Sexualität
entdeckten.
So begannen zwei unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten zu wirken:
die des ewigen, ursprünglich, göttlichen Lebens und die der
Vergänglichkeit. Das ewige Leben erfüllt den inneren Kern des
Menschen, das göttliche Urprinzip in uns. Unsere stoffliche
Hülle gehört demgegenüber der Vergänglichkeit an.
Sie muss immer wieder zu Materie, zu Staub zerfallen.
Die Zweifachheit wird erst dann aufgehoben, wenn der Mensch eines Tages
eine Gestalt erringt, die dem göttlichen Urprinzip entspricht und
ebenso wie dieses unsterblich sein wird. Es wird ein ätherischer
Körper sein, der in der Vibration der Christuskraft schwingt.
Ein Symbol für das Unsterbliche ist der "Baum des Lebens",
er steht in der Mitte des Paradieses, eines Feldes des ewigen
göttlichen Wirkens. Aber er ist auch in unserer eigenen Mitte, er
ist das göttliche Urprinzip in unserem Herzen. Das bedeutet: das
Paradies ist in uns verborgen. Es ist möglich, dass wir diese
Quelle lebenden Wassers freilegen.
Die Zeit hierfür rückt wohl für viele heran. Viele
fühlen sich zur Suche nach der göttlichen Heimat gerufen. Sie
spüren, dass sie in der "Welt des Falles" nicht wirklich zu
Hause sind.
Wir haben Wasser vom "Strom des Vergessens" getrunken.
Ich möchte mich erinnern an "mein" wahres Sein. Ich
versuche, mein Leben mit neuen Augen zu sehen. Wittgenstein sagt, nicht
alles, was Sinn ermöglicht, muss selbst bereits sinnvoll sein. Das
entspricht meiner Erfahrung. Ich tue Dinge, die von der Welt nicht
unbedingt als sinnvoll angesehen werden. Manche von ihnen
ermöglichen mir aber das Erwachen des tieferen Sinnes in diesem
Leben.
Die Worte in Offenbarung 21 "Und ich sah einen neuen Himmel und eine
neue Erde" entfalten ihren Klang auf neue Weise in mir.
Wie verbinde ich mich mit einem Klang, der aus einer anderen Lebensebene
stammt? Ich bemühe mich, hierfür "Ohr" zu sein. Das
Intuitive wird mir zu einem Begleiter. Ich spüre, dass das Neue da
ist. Und so versuche ich nicht mehr, die Welt, die "der Fall
ist", zu ändern. Vielmehr beginne ich, mich selbst zu
ändern, indem ich mein Lebensverhalten auf die Impulse aus dem
Innersten abstimme. Ich weiß, dass sich Ideale in dieser Welt nicht
verwirklichen lassen, dass sie aber mit segensreichen Folgen im Herzen
wachsen können.
Erfahrungen des Versagens, Enttäuschungen über einen Menschen,
Gefühle der Ausweglosigkeit – all dies trägt nur dazu bei,
dass sich mir innere Augen öffnen.
Ich habe Gleichgesinnte gefunden, eine Sphäre, in der ich etwas von
den "Wassern des Lebens" erfahre. Ich erlebe eine andere
"Schwerkraft". Sie wirkt dem Fallen entgegen, geht vom Reich der
Seele aus. Der Fall kehrt sich um in einen Aufstieg. Er führt ins
geistige Universum. Das Licht, das mich hierbei leitet, erbaut das
Innere neu.
Die Welt, die der Fall ist, wird zum wichtigen Ausgangspunkt für
den Weg.
Abbildungen: Ludwig Wittenstein Quelle Wikipedia
Khalil Gibran: Göttliches Universum