"Humanismus ist ein Aberglaube"
24.03.2010 von Gunter Friedrich
Arnold Böcklin Die Toteninsel
Der britische Philosoph John Gray (Autor des Werkes "Von Menschen
und anderen Tieren - Abschied vom Humanismus") gab im Spiegel Nr.
9/2010 ein Interview über den Fortschrittsmythos, die Suche nach
dem Sinn der Geschichte und den menschlichen Hang zur
Selbstzerstörung. Er führte unter anderem aus: "Mir geht
es darum, die menschliche Beschränkung aufzuzeigen und anzuerkennen
Der Mensch hat keinen Anspruch auf eine gottähnliche Sonderstellung
in der Natur. Deshalb plädiere ich für eine Abkehr von unserer
Selbstüberhöhung, vom Anthropozentrismus, als könnten wir
immer und überall die Herren unseres Schicksals sein. Wir Menschen
können die Welt nicht retten, doch das ist kein Grund zu
verzweifeln. Wenn Sie so wollen, drehe ich die berühmte elfte These
von Marx zu Feuerbach um: Es geht nicht darum, die Welt zu
verändern, sondern darum, sie richtig zu sehen.
.....
Es gibt keine Kohärenz, keinen Fortschritt in der Geschichte der
Menschheit in der Art, wie Hegel und später Marx dies annehmen. Die
Geschichte ist nicht die stetige Entfaltung der Vernunft.
.....
Das westliche Denken hat so etwas wie einen säkularen Monotheismus
entwickelt. Die Idee des Fortschritts in der Geschichte ist der ins
Säkulare gewendete Glaube an die Vorsehung. Im Judaismus, im
Christentum hat die Menschheitsgeschichte einen Sinn, weil sie auf das
Heil zustrebt. Aber dieser Sinn ist von Gott gegeben, wir können
ihn nicht erkennen. Deshalb sollten wir demütig bleiben; es
wäre geradezu gotteslästerlich, wollten wir den Anspruch
erheben, Gottes Ziel in der Geschichte zu entschlüsseln und
herbeizuführen.
.....
Ich behaupte, dass die Grundüberzeugung der Humanisten, die
Geschichte der Menschheit sei eine Fortschrittsgeschichte, ein
Aberglaube ist.
.....
Wir müssen uns von der utopischen Idee eines Idealzustandes, einer
möglichen Vollkommenheit für die ganze Menschheit
verabschieden.
.....
Wir sind nie vor der Barbarei gefeit. Deshalb ist jeder Fortschritt
zweischneidig. Der Homo sapiens ist und bleibt immer auch ein Homo
rapiens, ein Räuber mit ungeheurer destruktiver Kraft, der die Welt
in den Untergang führen kann.
.....
Wissen macht uns nicht frei. ... Seit Sokrates beruht das westliche
Denken auf der Annahme, dass die Erkenntnis des Wahren unweigerlich zum
Guten führt. Die Genesis der Bibel, der Mythos vom Sündenfall,
sagt etwas anderes. Die Unschuld ist verloren, sie lässt sich nicht
wiedergewinnen. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, aber wir
bleiben zu jeder Torheit und zu jeder Bosheit imstande.
Odilon Redon Frau mit Schleier
Die Gewissheit, dass es kein Heil gibt, ist selbst das Heil, so hat es
der Schriftsteller E.M. Cioran formuliert. Das Leben hat keine
Bedeutung, die über es selbst hinausweist.
.....
Das richtige Leben kann nicht im Versuch bestehen, irgendein Ideal zu
verwirklichen.
.....
Wer Visionen hat, sollte sich als Mystiker in die Einsamkeit der Natur
zurückziehen."
So weit einige Auszüge aus dem Interview. Die Gedanken
berühren Grundfragen unseres Daseins und bei der beschriebenen
Sichtweise verwundert es nicht, wenn John Gray - wie der Spiegel
schreibt - einer der umstrittensten britischen Sozialphilosophen ist.
Aus der Sicht eines inneren Weges lohnt es sich, einige Bemerkungen zu
seiner Weltsicht zu machen.
Vielleicht hat die Geschichte doch ein Ziel: nämlich Menschen
hervorzubringen, die, wie John Gray, von tiefer Ernüchterung
ergriffen sind und "die menschliche Beschränkung"
aufzeigen. Der Mensch ist ein Naturwesen, eine Art hochentwickeltes
Tier. Eine "gottähnliche Sonderstellung in der Natur" ist
nicht zu erkennen. "Wir sind nie vor der Barbarei gefeit. Deshalb
ist jeder Fortschritt zweischneidig." Die Geschichte des 20.
Jahrhunderts zeigt es überdeutlich. Und auch die Gegenwart.
Täglich erfahren wir von Kriegen und von Barbarei, im Großen
wie im Kleinen.
"Wir müssen uns von der utopischen Idee eines Idealzustandes
... verabschieden." Dem kann man bedenkenlos zustimmen, wenn man die
uns bekannte Welt im Blick hat. Das Himmelreich kann hier nicht
errichtet werden. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", sagte
Jesus. Unsere Welt ist eine Welt des Unfertigen, alles in ihr gibt
Anlass zu Kritik und zu eskalierenden Auseinandersetzungen. Immer sind
Menschen da, die "es besser wissen", und die die Dinge dann doch
nicht vollenden können. "Die Geschichte ist nicht die stetige
Entfaltung der Vernunft." Man kann John Gray hierin zustimmen.
Ihm kommt es darauf an "die Welt richtig zu sehen". Allerdings
sind die Augen der Menschen verschieden und die inneren und
äußeren Erfahrungen ebenfalls. Wenn Gray fordert, dass wir
"demütig bleiben" sollen, dürfte dazu auch
gehören, die eigene Sicht nicht zu verabsolutieren.
Nach meiner Erfahrung führt die Erkenntnis des "Wahren"
unweigerlich zum Guten. Entgegen der Sicht von John Gray stimmt das auch
mit dem Mythos vom Sündenfall überein. Die Richtigkeit dieses
Mythos', den er offenbar auch anerkennt, ist sogar eine
Voraussetzung für den Weg zum "Guten".
Léon Spilliaert Die verbotene Frucht
Die Ernüchterung in Bezug auf unsere Welt und den in ihr
herrschenden Fortschrittsglauben kann eine Tür öffnen. Wir
haben unsere Unschuld verloren, in der Tat, und sind zu jeder Torheit
und Bosheit imstande. Wir haben, wie es im Mythos heißt, vom Baum
der Erkenntnis gegessen. Die Konsequenz ist, dass wir aus einem
Lebensgebiet herausgefallen sind, das man Paradies nennt. Das geschah in
einem Zustand des noch Unfertigen und ... unfertig sind wir geblieben
und bleiben es in unserer jetzigen Welt.
Wenn John Gray sagt, es wäre gotteslästerlich, wollten wir den
Anspruch erheben, Gottes Ziel in der Geschichte zu entschlüsseln
und herbeizuführen, dann schlägt er sich selbst eine innere
Tür zu, bzw. verhindert, dass sie sich öffnet. Und das ohne
Not. Wir können in das Paradies zurückkehren. Die Gnostiker
haben dies stets auf ihre Fahnen geschrieben. So, wie es einen Weg
heraus gab, so gibt es einen Weg zurück. Er führt auf den
ursprünglichen Entwicklungsbogen, der abgebrochen wurde. Wir werden
anders sein, wenn wir zurück gekehrt sind. Eine tiefgreifende
Ernüchterung in Bezug auf unsere Welt ist notwendige Ausgangsbasis
für diesen Weg. Hinzu kommen muss ein inneres
"Gerufenwerden", eine Sehnsucht.
Alles Bestehende drängt zur Verwirklichung, zur Vollendung. Dass
die Vollendung in unserer Welt nicht zu erreichen ist, ist Quelle
fortwährender Frustration mit zum Teil schrecklichen Folgen.
Gleichwohl wartet die Vollendung auf alles, was ins Leben getreten ist.
Dafür müssen wir den Blick jedoch über die Grenzen
unserer Welt hinaus richten. Eine "geistige" Sicht kann uns
zeigen, dass die Ideale einen realen Hintergrund haben, einen Ursprung,
auch wenn sie in unserer Welt oft in verheerender Weise missbraucht
werden. Die Ideale kommen irgendwo her, sie sind keine Ausgeburten der
menschlichen Phantasie. Ihr Vorhandensein während der ganzen
Menschheitsgeschichte und ihre Verwurzelung in allen Völkern auf
dieser Erde deuten auf das Reale ihrer Existenz hin.
Sie entstammen dem Daseinsgebiet, in dem sich der Mensch einmal befand
und aus dem er herausgefallen ist. Die Ideale beschreiben den Zustand
des Paradieses und rufen den Menschen dorthin zurück. Sie rufen zu
einer inneren Verwandlung auf. Göttlich-Geistiges kann sich
inmitten des natürlichen Körpers entfalten. Es ist
verständlich, dass wir zunächst einmal versuchen, die Ideale
in unserer Welt anzuwenden und mit ihnen die Welt zu verändern. Wir
tun das bis zur vollständigen Ernüchterung, eventuell bis zur
Verzweiflung. Und wenn uns dann jemand dazu aufruft, wie John Gray,
wegen der katastrophalen Folgen keine Ideale mehr anzustreben, dann
bleiben sie gleichwohl bestehen.
Denn das, was begonnen wurde, wartet auf die Vollendung. Die Ideale
drängen zu einem Weg, einem inneren Weg, der seinen Beginn im
Herzen hat. Dort ist der Berührungspunkt, die meist geschlossene
Pforte zu der höheren, der göttlichen Welt. Die Ideale im
eigenen Inneren zu verwirklichen bedeutet, seelisch einen Weg der
Angleichung an das einstmals verlassene Lebensgebiet zu gehen. Jesus
sagte am Kreuz zu dem einen Mörder (auch das deutet auf unseren
Zustand hin): Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.
Jean Delville Liebende Seelen Ausschnitt
Dieses andere Land, dieses Ursprungsgebiet, wartet auf uns. Es ist
unbeschädigt vorhanden. Auch wenn wir noch in unserem jetzigen
Körper sind, können wir doch schon Anteil an ihm erhalten.
Auch das gehört zum Weg des Menschen, neben allem Umherirren in
dieser Welt. Es ist ein Weg, der nicht auf Weltverbesserung zielt. Es
ist kein Humanismus im Sinne eines Fortschrittsglaubens in dieser Welt.
Und doch: Auf ihm entfaltet sich eine aus der Tiefe aufsteigende Liebe,
die über das Persönliche hinausgeht. Wird die Welt durch diese
Liebe besser? Offenbar nicht. Und doch könnten wir ohne sie - und
sie ist ein Ideal! - nicht existieren. Sie umfängt alles und alle,
vermittelt Kraft, Mut und Einsicht. Sie eröffnet eine Perspektive.
Sollte sich ein solcher Mensch in die Einsamkeit der Natur
zurückziehen? Wohl kaum.
Sein Leben bekommt eine Bedeutung, die über es selbst hinaus weist.
Gemälde aus der Zeit des Symbolismus