Der Glaube in Brutto und Netto
09.01.2008 von Angela G. Paap
In der ZEIT Nr. 52 / 2007 kann man lesen: "Wenn man vom Glauben des
Menschen alles abzieht, was nicht wirklich dazu gehört, dann
erhält man das Glaubensnetto, also das, was als unverfälschter
Glaube bezeichnet werden kann."
Was wird hier abgewogen? Die Unterscheidung in Brutto und Netto dient
dem Autor dazu, unter Anderem zu zeigen, dass der scheinbare
Rückgang der Gläubigkeit in Wirklichkeit eher auf das
Wenigerwerden der Tara zurückzuführen ist. Das heißt,
dass das Abnehmen des äußeren Drucks, einer Kirche
anzugehören, ob er nun von der Gesellschaft oder von den Kirchen
selbst ausgeht, bei gleichzeitiger Zunahme des eigenständigen
Denkens und dem Auftreten von Alternativen zum Kirchenchristentum nur zu
einem äußerlichen Rückgang der Gläubigkeit
führt.
Der Mensch ist selbstständiger geworden.
Das Wenigerwerden der "Verpackung", sei es nun die Gebundenheit
an Dogmen, oder der Druck, sich anzupassen, wird wohl von den Wenigsten
bedauert werden. In diesem Sinne ist das Abfallen der einengenden
Verpackung ein Schritt zur Wahrheit und zur Freiheit.
Doch was ist das Netto, was ist der Kern des Glaubens? Kann es über
ihn Sicherheit geben?
Die Freiheit von Zwängen und Denkmustern stellt den Menschen auf
einen Weg. Wenn er diese Freiheit ernst nimmt, wird er sich nicht im
Selbstbedienungsladen einfach einen Privatglauben zusammenstellen, denn
dies wäre der Austausch einer alten durch eine neue Verpackung.
Diese Freiheit bedingt ein ständiges Suchen und Prüfen. Denn
immer wieder begegnen uns Dinge, die an den noch unbekannten Kern des
Glaubens rühren, die ihn lebendig und bewusst werden lassen. Doch
nach einiger Zeit kann aus jedem lebendigen Anstoß, aus jedem
einstmals beglückenden Fundstück Ballast werden, eine
Barrikade, hinter der man sich verschanzt, um nicht weiter suchen zu
müssen; und auch ein ehemals lebendiger Impuls kann zu dem
Hindernis werden, das sich der nächsten, tieferen Wahrheit auf dem
Weg zum Kern entgegenstellt. Denn jede Form, die sich verfestigt, kann
im Wege stehen.
Darum braucht man nicht nur ein offenes Herz, sondern auch eine wache,
unterscheidende Vernunft. Der Weg zum Kern des Glaubens ist zugleich der
Weg zum inneren Menschen, und er glückt nur demjenigen, der bereit
ist, die äußeren Schichten – die Tara – zu erkennen und hinter
sich zu lassen. Und dazu gehört viel von uns selbst.
Und die Sicherheit über den Kern des Glaubens hat derjenige, der
mit ihm eins geworden ist. Alle anderen müssen weiter suchen und
prüfen…