Atheismus und der Gott im Menschen
11.07.2007 von Gunter Friedrich
Die Titelgeschichte im Spiegel Nr. 22 von Ende Mai 2007 trägt den
Titel: "Gott ist an allem Schuld. Der Kreuzzug der neuen
Atheisten". Im Leitsatz heißt es dazu: "Eine neue
Generation von Skeptikern und Wissenschaftlern hat sich aufgemacht, die
Welt vom Glauben zu befreien. Ihre Waffen sind Darwin, das Internet und
das wachsende Unbehagen über die Einmischungen von Bischöfen
und Islampredigern, Polit-Frömmlern und Kirchen."
Als "Meisterdenker" dieser Bewegung wird Richard Dawkins
genannt, ein Evolutionsbiologe aus Oxford. Sein jüngstes Buch
"God Delusion" (Der Gotteswahn) war in den USA und
Großbritannien mehr als 30 Wochen auf der Bestsellerliste. Danach
stellen sich die neuen Atheisten im Namen der Wahrheit gegen den zur
Zeit neu erwachenden Glauben. "Gott ist ein Produkt der
Menschen", so lautet einer ihrer Kernsätze. "Du sollst dir
kein Bildnis machen und es Gott nennen."
Gedanken dieser Art sprachen schon Voltaire im 18. Jh. und Ludwig
Feuerbach im 19. Jh. im Zuge der Aufklärung aus. Gott und Christus
sind – so Feuerbach – Eigenschaften des Menschen, die er nach außen
projiziert. Es komme darauf an, den Menschen auf sich selbst zu lenken,
damit er sein eigenes wahres Wesen erkennt. Alle Ideale der Religionen
sind nach dieser Sichtweise nichts anderes als das wahre Wesen des
Menschen.
Karl Marx und Friedrich Engels waren hiervon begeistert. Endlich wurde
das G¨ttliche auf die Erde geholt, dorthin, wo es auch herkam,
nämlich aus dem Inneren des Menschen. Und so formulierten sie eine
auf den Menschen gegründete Philosophie, die zu einer gerechten und
guten Gesellschaftsform führen sollte. Und viele große Denker
folgten ihnen. Ernst Bloch (1880-1959) errichtete auf materialistischer
Grundlage ein philosophisches Gebäude voll hoher Ideale. Die
großen Atheisten – sie sind zwangsläufig zugleich
Materialisten – streben eine bessere Welt und ein besseres Menschsein
an.
Könnte es sein, dass Atheismus und Materialismus notwendige
Begleiterscheinungen der heutigen Art von Religion sind? Man spricht vom
Gegensatz zwischen Glauben und Wissen. Das, was ich im religiösen
Sinne glaube, kann ich nicht beweisen, jedenfalls nicht mit den Mitteln
der Naturwissenschaft. Der Verstand hat sich gewaltig entwickelt. Zu den
Methoden für seine Entfaltung gehören der Zweifel und die
Skepsis. Beide beinhalten zwangsläufig, den Glauben auszugrenzen.
Der Atheismus ist ein Kind des selbständig gewordenen Verstandes
und damit eines Ich, das sich des Urgrunds seines Seins nicht mehr
gewahr ist.
Der kritische Verstand wendet sich mit Recht gegen die Missetaten, die
im Namen des Glaubens begangen wurden und werden. Glaube und Macht sind
immer schon unheilige Allianzen eingegangen. Im Namen bestimmter
Gottesvorstellungen werden Menschen beherrscht, werden Völker gegen
Völker aufgeputscht. Solche Gottesvorstellungen, solche Götter
sind Menschenwerk, so sagen die Atheisten mit Recht. Wer im Namen seines
Glaubens gegen Andersgläubige kämpft, wird von irdischen
Kräften missbraucht.
Die modernen Gnostiker erkennen und erfahren, dass im Menschen ein
göttliches Element verborgen ist. "Der Sohn des Menschen ist in
eurem Inneren. Folgt ihm nach. Die ihn suchen, werden ihn finden",
so heißt es auch schon im gnostischen Evangelium nach Maria
(Magdalena). Und weiter lesen wir dort: "Er hat uns zubereitet und
zu Menschen gemacht." Ein solches Menschsein erkennt im anderen
Menschen den Bruder vor allem auch in dem Sinne, dass er ein
göttliches Element in sich trägt.
In der "Erkenntnis" der Gnostiker löst sich der Gegensatz
von Glauben und Wissen auf. Das geschieht nicht sofort. Wir müssen
einen Weg gehen, auf den die gnostischen Evangelien immer wieder
hinweisen – einen Weg, auf dem sich ein Wissen auf der Basis des
Glaubens entwickelt.
Der Atheismus kann Menschen von ihren Gottesvorstellungen befreien und
sie auf sich selbst verweisen. Das kann zwar zu einem gewaltigen Ego
führen, das durch keine metaphysisch begründete Moral mehr
gebunden ist. Es kann aber auch die Vorstufe sein zu einer
überraschenden, großartigen Entdeckung: der Entdeckung des
innereigenen Gotteselementes. Denn woher kommen die Ideale der
großen atheistischen Denker, wenn nicht aus dem göttlichen
Keim in ihnen?