Leibnizjahr 2007
29.05.2007 von Dr. Martin Zichner
Gottfried W. von Leibniz
Unter dem Titel "Gottfried Wilhelm Leibniz – seiner Zeit weit
voraus" wurde im Rahmen des "Jahres der Geisteswissenschaften
2007" und gleichzeitig des "Leibnizjahres 2007"
kürzlich eine eindrucksvolle Ausstellung in Wolfenbüttel
gestaltet. In dieser Ausstellung wurde Leibniz (1646 – 1716) als
Mathematiker, Physiker, Erfinder und nicht zuletzt auch als Philosoph
gewürdigt. Er wirkte die letzten 25 Jahre seines arbeitsreichen
Lebens als Bibliothekar an der dortigen Herzog-August-Bibliothek und
versuchte gerade in dieser Zeit unter dem Eindruck des verheerenden
30-jährigen Krieges, dem Kernprinzip des menschlichen Wesens auf
die Spur zu kommen.
Ich habe die weite Anreise zu der Ausstellung nicht gescheut, weil mich
dieses letzte Universalgenie immer schon fasziniert hat. Und angesichts
seines Lebenswerkes konnte ich dann auch wieder sehr tief empfinden,
welche Verständnisbrücken für uns moderne Menschen sowohl
nach außen als auch nach innen durch diesen Mann geschlagen wurden.
Er war Geistes- und Naturwissenschaftler zugleich, der von sich selbst
bezeugte: "Meine Metaphysik ist die reinste Mathematik." Dabei
ging er bewusst der Frage nach, wo und wie sich Endliches und
Unendliches begegnen.
Kann man in einer Welt der Kriege, unendlichen Leidens und
rücksichtsloser Selbstbehauptung noch die Sinnhaftigkeit unserer
Existenz vertreten und zu all ihren Erscheinungen eine positive
Einstellung einnehmen? Diese Frage hat mich schon früh
beschäftigt und ich fand in der Leibniz'schen Philosophie dazu
viel Ermutigung.
Bekannt ist vor allem seine Monadenlehre geworden. In der Monade
drückt sich die ganze Vielfältigkeit der göttlichen
Schöpfung aus. Alle Monaden – so seine Beobachtung am Verhalten der
Menschen – müssen einzigartig und letztlich unverwechselbar
verschieden sein. "Denn es gibt in der Natur niemals zwei Wesen, die
völlig identisch sind und in denen sich nicht ein innerlicher
Unterschied aufzeigen ließe. Denn sie tragen alle in sich eine
bestimmte Vollkommenheit, die sie zum Quell innerer Tätigkeiten
macht". Für die menschliche Entwicklung setzte er eine Art
Quantensprung voraus. In seiner Metaphysik III sagt er: "Die
Erkenntnis der ewigen Wahrheiten unterscheidet uns von den Tieren und
setzt uns in den Besitz der Vernunft und der Wissenschaften, indem sie
uns zur Erkenntnis unseres Selbstes und Gott erhebt. Dies allein ist es
nun, was man in uns vernünftige Seele oder Geist nennt. Wir
erfassen Gedanken des Seins, des Immateriellen und Göttlichen,
indem wir uns vorstellen, dass das, was in uns eingeschränkt
vorhanden ist, in ihm ohne Schranken enthalten ist."
Leibniz gelangte zu der Auffassung, dass trotz aller Schwierigkeiten
hinter allem Geschehen eine latente "prästabilierte
Harmonie" drängt und treibt. Bei der Betrachtung seines
Lebenswerkes vermittelt er mir Eindruck, dass alles Leben letztlich
doch von langer Hand in eine optimale Richtung gelenkt wird. Leibniz
suchte und sah wohl hinter allem Treiben immer die Keime einer
höheren Entwicklung. Der Mensch ist nicht dazu verurteilt, an diese
Leidenswelt gebunden zu bleiben, wenn er jene Harmonie im eigenen Wesen
entdeckt und aktiviert.
Leben bedeutete für Leibniz Kampf, freilich vor allem ein Kampf
innerer Art. Das erklärte er der jungen Königin Sophie
Charlotte von Brandenburg-Preußen, die immer wieder das
Gespräch mit Leibniz suchte, auf folgende Weise: Ist es nicht so,
dass ein Feldherr immer auf einen großen Sieg aus ist? Dafür
muss er Wunden in Kauf nehmen. Letztlich aber geht es um die
Überwindung des Bösen, also den Sieg. Eine Gemeinschaft ohne
Wunden wird immer eine Gemeinschaft ohne Sieg sein. Für Leibniz ist
die real existierende Welt trotz des unverkennbaren Leides und aller
vorhandenen Schwierigkeiten "die beste aller Welten". Denn alles
Not-wendige lässt sich gerade in dieser Welt erkennen und
überwinden.
Ich greife diese Botschaft gerne auf, ermutigt sie uns doch, mit
Zuversicht einen spirituellen Weg zu gehen, ohne dabei vom Gedanken der
Weltflucht beherrscht zu sein. Dabei sehe ich in Leibniz auch keinen
grenzenlosen Optimisten, gerade weil er auf eine Bestimmung dieser Welt
und des Menschen in ihr hinweist, die in der Überwindung des
Bösen, des Mangels an Gotteserkenntnis besteht.