Heinrich von Kleist, der Dichter als Antiheld zum 200 Todestag am
21.11.2011
16.11.2011 von Maren Weiß
Wer sich mit Leben und Wirken Heinrich von Kleists (1777-1811)
auseinandersetzt, kann nicht verhindern, dass ihn ein Hauch von
Melancholie streift. Warum? Sein früher Selbstmord im
vierunddreißigsten Lebensjahr stimmt nachdenklich.
Wie verläuft das äußere Leben von Heinrich von Kleist?
Nach einer Familientradition schlägt er die Laufbahn eines
königlich- preußischen Leutnants ein. Doch bereits mit
zweiundzwanzig Jahren wendet er sich vom Soldatenleben ab und stellt
fest, sieben verlorene Jahre hinter sich zu haben. Die Regeln des
Soldatenlebens sind für ihn nicht logisch, denn ihn bewegt die
Frage: "Kann ich als Mensch handeln oder muss ich als Offizier
entscheiden?" Der Wunsch, immer als Mensch zu handeln und es auch
stets zu sein, gibt bei seiner Absage an das Soldatenleben den
Ausschlag.
Vielseitig ist er bemüht, sein Leben zu gestalten. In einem von ihm
verfassten Aufsatz mit dem Titel: Den sicheren Weg, das Glück zu
finden, und ungestört auch unter den größten Drangsalen
ihn zu finden, stellt er unter anderem fest, dass Einsamkeit der
Prüfstein des Glücks sei. Weiter heißt es dort:
In der Tugend liegt eine göttliche Kraft, die den Menschen
über sein Schicksal erhebt. In den Träumen der Menschen reifen
höhere Früchte und in ihrem Kummer liegt ein neues Glück.
Das wahre Glück jedoch ist das innere Glück. Aber auch das
Glück der anderen, und wenn wir es ihnen vermitteln können.
Und weiter:
Gibt es nicht Größe und Standhaftigkeit auch im Unglück?
So kann man sich ein Beispiel nehmen an den Großen, den
Tugendreichen. Sokrates und Christus. Die Schönheit ihres Wesens
strahlt wie die Sonne.
Im Leben Heinrich von Kleists und Friedrich Schillers (1759-1805) zeigen
sich einige Parallelen. Auch für Schiller war die Offizierslaufbahn
zunächst unumgänglich. Auch er gab sie auf, um seinem Genius
zu folgen.
Aber während Friedrich Schiller nach zehn harten,
entbehrungsreichen Jahren künstlerischen Schaffens den Durchbruch
erreicht, stellt sich dieser bei Heinrich von Kleist nicht wie erhofft
ein, auch wenn er unermüdlich daran arbeitet.
Ihm war es nicht vergönnt, sich hierdurch auch eine materielle
Lebensbasis zu schaffen, was für ihn ein angestrebtes Lebensziel
war. Da vermochte auch die Anerkennung seiner Arbeit durch die Dichter
und Denker Wieland, Hebbel und Tieck nichts grundlegend zu ändern.
Mit seinen Theaterstücken Penthesilea und dem Prinzen von Homburg
verschreibt sich Kleist dem dramatischen Genre. Der Prinz von Homburg
sagt in seiner Todesstunde:
Nun, oh Unsterblichkeit, bist du ganz mein!
Du strahlst mir durch die Binde der Augen
mit Glanz der tausend Sonnen zu.
Es wachsen Flügel mir an beiden Schultern,
durch stille Ätherräume schwingt mein Geist.
Kleist dokumentiert in seinen Werken, dass er viele Lebenssituationen,
die er beschreibt, tief empfunden hat. Und in seiner Dichtung treten
teilweise Anschauungen hervor, die zu seiner Zeit als
unzeitgemäß galten, die nicht der üblichen literarischen
Tradition entsprachen.
Aber gerade seine Denkansätze sowie seine Ausdrucksweise, die
damals in besonderer Weise bahnbrechend und auch sozialkritisch waren,
führen dazu, dass Heinrich von Kleist für den heutigen
Menschen noch von Interesse ist. Große Bekanntheit erzielte er im
letzten Jahrhundert zum Beispiel durch zahlreiche Aufführungen des
Lustspiels Der zerbrochene Krug. Das Stück war Lehrstoff für
Generationen von Schülern, die hierdurch einen moralischen Wink
erhielten.
Was sagt uns sein Wirken ganz allgemein?
Es sagt uns, dass ein Wahrheitssucher mit seinem Wirken etwas schafft
und der Menschheit etwas schenkt, was ihr zeitlos als Orientierung
dienen kann.
Gegen Ende seines kurzen Lebens bereitet Heinrich von Kleist seine
hoffnungslose wirtschaftliche Lage großen Verdruss. Auch die
Familie lässt ihn kurz vor seinem Tod fallen. Er hat sein Leben
letztendlich als qualvoll empfunden.
Versuchen wir, den Dichter mit seinen Lebensumständen in der
damaligen Zeit als Antihelden zu verstehen und damit zugleich auch jene,
die in ihrem Leben irgendwann das Gefühl haben, zu versagen. Das
Gefühl des Versagens kennt ein breites Spektrum. Es kann in
materiellen Aspekten seinen Ansatz finden, aber auch weit darüber
hinaus in die Untergründe unseres Wesens reichen. Sein Gegensatz
ist die Überheblichkeit, vor der sich Kleist stets hüten
wollte. Beide Tendenzen sind Ausprägungen unseres Ich. Wie kann
diese Kluft der Gegensätze überwunden werden?
Eine Brücke kann uns die Ursehnsucht unseres Herzens bauen. Sie ist
eine Dimension, die über die Ängste vor dem Versagen und auch
über die Überheblichkeit hinausgeht; sie verlangt nach der
Kraft der Wahrheit, die nicht von dieser Welt ist. Sie kann innere
Stärke und Eigenständigkeit verleihen.
Werfen wir noch einen Blick auf den Aufsatz Das Marionettentheater.
Kleist hatte Mathematik studiert und hatte Interesse an Physik, Mechanik
und Chemie. So gleicht der Aufsatz über das Marionettentheater
einer kurzen wissenschaftlichen Abhandlung, wie sie in der heutigen Zeit
sehr geläufig sind. Hierin war Kleist mit seinem Schreibstils
seiner Zeit voraus.
In der kleinen Prosaschrift beschreibt er ein Gespräch mit dem
Leiter eines Puppentheaters. Mit seinen dramatischen Burlesken, dem
Gesang und Tanz unterhielt man seinerzeit das Publikum auf den
Märkten. Kleist erkundigt sich nach dem Mechanismus der Figuren,
die doch so leicht und anmutig wirken. Bei dem Gespräch geht es vor
allem um die Bewegungen der Puppen, von denen jede ihre Schwerpunkt hat.
So wird festgestellt, dass die Puppen nicht dem Gesetz der Trägheit
unterliegen, also nicht an die Erde gefesselt sind. Sie zeigen
Ebenmaß, Leichtigkeit und Beweglichkeit. Der Puppenspieler lobt
diesen Vorteil, den eine Puppe vor einem lebendigen Tänzer hat: Bei
der Puppe gibt es keine Ziererei. Ziererei erscheint, wenn die Seele
sich an irgendeinem anderen Punkt befindet als im Schwerpunkt der
Bewegung.
Dieser Gedanke erscheint mir als der interessanteste der Schrift. Es
geht um das Thema Bewegung und Schwerkraft. Das ist ein Gedanke, der
auch für uns von Bedeutung ist: Aus welchem Schwerpunkt lebe ich?
Was bewegt mich? Woraus schöpft mein Bewusstsein?
Es gibt verschiedene Arten von "Schwerkraft".
Zunächst ist da die Schwerkraft, die wir als kreatürlicher
Mensch durch die Erdanziehung erfahren.
Heinrich von Kleist bezeichnet in seinem Aufsatz als Schwerkraft
darüber hinaus auch jenes Kräfteverhältnis, dem der
Mensch im Hinblick auf das äußere Leben im gesellschaftlichen,
sozialen und kulturellen Gefüge unterliegt. Die Entwicklung seiner
Persönlichkeit ist davon abhängig. Er muss in dieser Welt
gesellschaftlich, sozial und kulturell seinen Platz finden. Dabei wirken
diverse äußere Umstände mit: Wo werde ich geboren, und
unter welchen Gegebenheiten wachse ich auf? Wovon werde ich
geprägt? Wie bildet sich mein Menschsein innerlich und
äußerlich heran?
Hier taucht ein weiteres Moment auf. Es ist das innere Wachstum. Kann es
Ansatz für ein neues Schwerkraftprinzip sein?
Ich meine: ja.
Wenn ein Mensch herangewachsen ist und auch seine feinstofflichen
Körper (Ätherkörper, Astralkörper,
Mentalkörper) entwickelt sind, kann in ihm ein Bewusstsein für
den "inneren Menschen" erwachen. Dieses neue Bewusstsein, das
die Seele tragende Werte sucht, knüpft im Herzen an und kann neue
Denkimpulse erschaffen, so dass ihm schließlich deutlich wird, dass
es selbst eine kleine Welt, ein "Mikrokosmos" ist. Es ist eine
Erkenntnis, die neue innere Stärke verleiht. Das Bewusstsein
erfährt Freiheit. Über den "inneren Menschen"
verbindet es sich mit einer Kraft, die "nicht von dieser Welt"
ist.
Dann verändert sich der Lebensschwerpunkt. Das äußere
Leben erhält einen anderen Stellenwert und büßt seine
bisherige bestimmende Bedeutung ein. Man kann auch sagen, es bildet
sich ein neues Bewusstsein, in dem eine neue Schwerkraft wirkt.
Wie kann es umschrieben werden?
Es akzeptiert die materielle Schwerkraft dieser Welt mit all ihren
Aspekten, aber es bleibt dabei nicht stehen. Das Reich der neuen
Schwerkraft, wirksam geworden im Bewusstsein, ist ein immaterielles
Sein, das aus einem anderen Kraftprinzip atmet und lebt. Es hat seinen
Anknüpfungspunkt im Lichtfunken unseres Herzens, der auf neue Weise
belebt wird und dadurch neue Lebensimpulse gibt. In Verbindung mit der
Christuskraft, die sich kosmisch und mikrokosmisch, also universell
mitteilt, durchdringt die neue Kraft alles und wird zum inneren
Führer durch das Leben.
Es ist die Schwerkraft einer Liebe, in der das Seelenwesen in der
göttlichen Vibration atmet – auf einer geistig-seelischen Ebene.
Um einen solchen Weg zu gehen, bedarf es der gegenseitigen
Unterstützung Gleichgesinnter. Heinrich von Kleist stand in seinem
inneren, geistigen Ringen allein. Er vermittelt das Bild eines
großen, einsamen geistigen Suchers. Die geistige Welt erweckt immer
wieder solche Sucher, wenn auch nicht von der Größe und
Bedeutung Kleists. Sie sind es, die die Brücke zwischen der
göttlich-geistigen Welt und unserer Welt aufrecht erhalten. In
gewisser Weise sind sie dadurch der "Atlas", der unsere Welt auf
seinen Schultern trägt.
Bildquelle: Wikipedia