Vom Geist der Utopie
04.08.2010 von Dr. Martin Zichner
Ernst Bloch: Totenmaske
Einer der geistigen Vordenker unserer Zeit war der Philosoph Ernst
Bloch, der ab 1948 zunächst in Leipzig und ab 1961 in Tübingen
Philosophie lehrte. Er war der eigentliche Stichwortgeber für den
Begriff "konkrete Utopie". Was ist Utopie?
Es heißt übersetzt "Nirgendort". Diesen zunächst
rätselhaften Begriff versah er mit dem Beiwort "konkret".
Was wollte er damit ausdrücken?
In jedem Fall etwas sehr Konkretes, das jedoch nicht so ohne weiteres
auf der Hand liegt. Gegen Ende des ersten Weltkrieges verfasste er eine
Schrift mit dem Titel Geist der Utopie. Darin spricht er recht
geheimnisvoll über "die Entdeckung des noch nicht
Bewussten". Bloch sieht ein geschichtetes Bewusstsein. Da gibt es
das zunächst Verborgene, das Unbewusste, das zur Klarheit im
Verständnis gehoben werden kann. Bloch spricht von der
"Mühe des Hellwerdens", um den Weg zur Sphäre der
realen Utopie zu finden. Das ist ein besonderer "Ort", der in
Reichweite der Menschen liegt. Bloch fordert ein klares, nüchternes
Gedankenleben. Er sagt: "Denken heißt Überschreiten."
Was soll man überschreiten? Er beobachtete bei den Menschen der
Allgemeinheit, dass diese in ihrer Art zu denken nicht bis zu einer
höheren Erkenntnisschwelle vorstoßen, geschweige denn diese
überschreiten.
In einer öffentlichen Lesung in Frankfurt 1960 führte er aus:
"Viele fühlen sich verwirrt, der Boden wankt und sie wissen
nicht warum. Dieser Zustand erzeugt Angst. Wird er bestimmt, so bildet
sich Furcht. Doch nun wird mit den Urhebern der Furcht abgerechnet."
Da geht es um die äußeren Zeiteinflüsse und das
innereigene dumpfe Empfinden. Wie befreit man sich davon?"
Er liefert den Schlüssel zur realen Utopie, den Hort der absoluten
Sicherheit, wo derlei Einflüsse ausgebannt werden können:
"Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen." Hier geht es nicht
um ein vages, unbestimmtes Hoffen, sondern um die Entwicklung einer
geistigen Sicherheit. "Diese Arbeit ist ins Gelingen verliebt, nicht
ins Scheitern. Hoffen ist auch nicht passiv wie Fürchten. Die
Affekte des Hoffens gehen aus sich heraus und machen den Menschen weit,
statt ihn zu verengen."
In seinem dreiteiligen Werk Das Prinzip Hoffnung arbeitet er seine
Überlegungen zur realen Utopie im Sinne von eigenständigen
Empfindungen und Erfahrungen stufenweise immer klarer heraus.
Er versichert: "Utopie ist findbar" und erläutert hierzu:
"Das Leben der Menschen ist von Tagträumen durchzogen." Sie
achten nur zu wenig darauf. "In den Tagträumen ist freilich
einiges nur Schale auf einer entnervenden Flucht, manchmal auch Beute
für Betrüger. Aber ein Teil lässt sich nicht abspeisen.
Dieser andere Teil hat das Hoffen, den Kern." Er ist lehrbar durch
das Leben. "Tagträume können der Anfang sein vom Prinzip
Hoffnung. Man kann sämtliche Hoffnungsinhalte der Menschheit im
Spiegel betrachten, welcher der Menschheit vorgehalten wird. Kunst,
Malerei,. Musik, Dichtung, Medizin und Technik gehören dazu."
Das Besondere an dem Werk Das Prinzip Hoffnung ist auch die Tatsache,
dass es in einer mehr als finsteren Zeit entstanden ist, der
Stalinära, des Faschismus und der Schrecken des zweiten
Weltkrieges. Bloch schreibt darin - zwischen 1938 und 1947 - gegen den
Geist der Zeit an. Dass er das Thema einer verinnerlichten Hoffnung in
einer der dunkelsten Zeiten aufgreift, ist mehr als erstaunlich. Adorno
und Horkheimer zum Beispiel schreiben in ihrem Werk Dialektik der
Aufklärung zur gleichen Zeit vollkommen pessimistisch über die
Perspektiven der Zukunft. George Orwell entwirft 1940 in seinem Werk
1984 geradezu das Szenario vom Ende der Hoffnung.
Im letzten Teil seiner realen Utopie in Das Prinzip Hoffnung zeigt Bloch
Augenblicke der inneren und äußeren Erfüllung auf. Sie
enthalten eine Art Theologie. Schwer verständlich auf den ersten
Blick, ersetzt Bloch Gott durch einen unbekannten Menschen. Warum tut er
das? Dieses Inkognito des unbekannten Menschen lebt "im Reich der
Freiheit und wohnt im allerletzten Kanaan" auf dem Feld der realen
Utopie. Wir müssen uns fragen, ob wir beim Lesen seines Werkes nur
Zuschauer sind, bequem sitzend in einem Stuhl und das Werk gleichsam nur
auf der Bühne wahrnehmen. Dann befinden wir uns nicht auf dem Weg
zur realen Utopie.
Ernst Bloch: Karikatur
Bloch wird sehr deutlich: "Denn dann versinken wir im
riesengroßen Schlaf der Dummheit, dann sind wir dem Höheren
entfremdet." Bloch versucht, das noch nicht Bewusste deutlich und
spruchreif zu machen. Er spricht "von Dämmerung nach
vorwärts" oder auch von "Vorschein." Es ist die
Morgenröte einer neuen Zeit, deren sich Bloch absolut sicher ist.
An anderer Stelle spricht er vom "Vorbewussten des Kommenden, dem
psychischen Geburtsort des Neuen." Er befindet sich in der
Sphäre der realen Utopie. Bloch macht seinen Lesern klar: "Es
gibt ein unermessliches Reich des noch nicht Gewordenen." Er will
seine Utopie mit geeigneten Menschen zusammen verwirklichen. Er sagt, es
gibt einen Funken Hoffnung, der über den Tag hinausgeht. Er sieht
eine neue Genesis, an welcher der bewusste Mensch mitarbeiten soll und
kann. Blochs anzustrebendes Ende ist "eine Versammlung aller
menschlichen Hervorbringung". Dabei kommt er nochmals auf die
Religion zu sprechen:
"Der Wunschinhalt der Religion bleibt Wohnlichkeit im Geheimnis des
Daseins." Der "tiefste Wunsch des Menschen reicht bis zur
Wunschruhe." Man spürt so etwas wie bei einem Buddhisten, der
vom Nirvana spricht. Bloch versichert: "Das Humanum gewinnt das
Mysterium eines Göttlichen, eine Vergottung hinzu." Deshalb
setzt er seinen Schöpfungsanfang ans Ende der Welt, weil der Mensch
erst dort als geeignetes Geschöpf selbst seinen Beitrag zu leisten
hat. Bloch vermeidet jede Vorstellung von einem persönlichen
Gottesbild, das außerhalb von uns liegt. Am Ende sagt er ganz
bewusst: "Wo Hoffnung ist, ist in der Tat Religion." Die Pointe
von Das Prinzip Hoffnung ist die konkrete zu verwirklichende Utopie.
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