Fragen, Staunen, bohrendes Grübeln: Ernst Bloch zum 125. Geburtstag
21.07.2010 von Gunter Friedrich
Ernst Bloch am Rednerpult
Im Sommersemester 1963 begann ich, in Tübingen Jura zu studieren.
Große Geister der Rechtswissenschaft unterrichteten dort. Und es
gab jemanden, älter, klein, mit durchfurchtem Gesicht, der die
Geister des Rechts als matt und farblos erscheinen ließ. Vor
atemlos Lauschenden ging er in überfülltem Hörsaal hin-
und her, und in unaufhörlichem Strömen quoll es aus ihm
heraus, in kaum begreifbarer, oft lyrischer Formgebung formulierte er
die Frage nach dem Menschsein: Ernst Bloch. "Tübinger
Einleitung in die Philosophie", das war der Titel, unter dem
veröffentlicht wurde, was er damals aussprach. Es war keine
Einleitung in die Philosophie, sondern ein philosophierendes
Weiterschreiten, ein Wandern. "Schlecht wandern heißt, als
Mensch dabei unverändert zu bleiben."
Ich ging mit auf dieser Wanderschaft, so weit ich es konnte. "Ich
bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." Wir haben
einen Weg zu beschreiten. Wie tief hat mich das ergriffen! "Das Bin
ist innen. Alles Innen ist an sich dunkel. Um sich zu sehen und gar, was
um es ist, muss es aus sich heraus. Muss sich herausmachen, damit es
überhaupt erst etwas sehen kann, sich unter seinesgleichen ..."
Das "anstoßende Jetzt ist dunkel, unser unmittelbares Bin und
das Ist von allem. Was daran innen ist, wühlt als dunkel und leer.
Zu spüren bleibt nur, es ist hungernd, bedürftig."
Urtümlichstes erklang hinter diesen Worten. Ein Prophet des Alten
Testaments war auferstanden, so schien es mir, er war zum Materialisten
geworden in der Welt des 20. Jahrhunderts - und deutete nach wie vor auf
die große Verheißung, auf den Messias - diesmal aber im
Menschen. So wie Jakob mit dem Engel, so rang Bloch mit dem
Unaussprechlichen, mit dem anstehenden Schöpfungsvorgang, mit dem,
was vor der Existenz ist, dem, das werden will. Bloch glaubte an das
ganz Neue, das kommen wird, an die Neuerschaffung des Menschen durch
sich selbst. Das Innen "wühlt als dunkel und leer".
Gleichen diese Worte nicht dem Beginn der Genesis: "Und die Erde war
wüst und leer" ?
Ich wurde Jurist, betrat eine Welt der Systeme, Normen,
Regelungsversuche und Konfliktausgleiche, eine Welt, in der Macht und
Gewalt immer wieder auszugleichen sind. Hier suchte ich mich zu
integrieren. Das Ergebnis war - innere Heimatlosigkeit. Die Fülle
erwies sich als "wüst und leer".
Bloch sprach von einer anderen Welt, einem Menschsein, das uns noch
aufgegeben ist. Inmitten turbulenter und niederschmetternder
Lebensumstände hielt er an der Überzeugung fest, dass der neue
Mensch und die neue Gesellschaft einmal kommen werden. Gegenüber
den herrschenden Zuständen war er Ketzer, Unruhestifter, auch im
sozialistischen Deutschland, von dem er Schritte zur Verwirklichung der
Utopie erhoffte.
1961 kehrte er dem sozialistischen Staat den Rücken, bedroht von
denen, die für ihn einmal Hoffnungsträger waren. Im Alter von
76 Jahren(!) fing er zum wiederholten Mal ein neues Leben an. Er begann
in Tübingen zu lehren. Seine umfassende Bibliothek und sein
sonstiges Hab und Gut verblieben in Leipzig. Sein Geist war jünger
als der der meisten Menschen, die ich kannte. Es war der Geist des
fragenden Kindes: "Ganz schlicht gehört die bekannte
Kinderfrage hierher: Warum ist etwas und nicht nichts?" "Wie
seltsam, wie sehr ein Kopfschütteln gleichsam, immer mit eben
diesem, seinem Ich zusammen zu sein - ... in hohem Grad nicht
selbstverständlich."
"Das Staunen ... ist nicht auf Gewordenes letztlich bezogen, sondern
auf ein Fragen selber, das ungeworden und ungelöst durch die Welt
geht. Ein Grundfragen des Existere selber tönt hier an, eines, das
wiederum nur mit sich selber, mit seinem eigenen noch ungewordenen Stoff
letzthin zu beantworten wäre." "... das junge Urfragen, das
ja überhaupt noch nicht weiß, was es will."
Ohne Unterlass umkreiste Bloch das "unscheinbare Geheimnis", das
hinter der Existenz steht. Erst wenn wir es finden und verwirklichen,
werden wir wahrhaft sein. Deshalb war es für Bloch so wichtig,
"vor den Träumen der Jugend Achtung zu tragen, auch vor dem
frühen Verwundern."
Ich habe Gesetze angewandt und versucht, Konflikte zu lösen. Doch
unzählige Male tauchte die Frage auf: Was tue ich eigentlich? Wer
bin ich?
Immer wieder erlebte ich eine Empfindung, die Bloch in seinem ersten
Hauptwerk "Geist der Utopie" (2. Auflage 1923) mit den Worten
ausdrückte: "Wie nun? Es ist genug. Nun haben wir zu beginnen.
In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es
längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin- und her ...
." Die Worte Paul Celans tönten herauf: "Die Welt ist ein
geköpfter Hahn, der über den Hof rennt.".
Bloch sprach von der "Metaphysik der Innerlichkeit". Der Blick
auf diese Welt sagte ihm, "dass dieses, was es gibt, nicht die
Wahrheit sein kann, und dass es über der vorliegenden
Tatsachenlogik noch eine verschollene und verschüttete Logik geben
muss, in der erst die Wahrheit wohnt." Bloch weist auf "unser
Dunkel, unser Unbekanntsein, Vermummt- oder Verschollensein".
"Der bedürftige Mensch wünscht nur das Eine, das
Fließende, Dunkle, Leidvolle in sich gelöst, begründet zu
erhalten."
"So bleibt dieses als letztes Ziel: die Frage nach uns zu fassen,
rein als Frage, nicht als Hinweis auf die Lösung; die ausgesagte,
aber unkonstruierte, unkonstruierbare Frage selber als Antwort auf die
Frage."
Das Dunkel des Unmittelbaren ist eins mit der Frage nach uns selbst. In
der Frage, aus der Tiefe aufsteigend, klingt eine Antwort mit - und ein
Auftrag. "Wir werden doch nicht nur geboren, um hinzunehmen oder
aufzuschreiben, was war und wie es war, als wir noch nicht waren,
sondern alles wartet auf uns, die Dinge suchen ihren Dichter und wollen
auf uns bezogen sein." Hartnäckig wiederholt und variiert Bloch
die Grundaussage im "Geist der Utopie": "Denn das, was ist,
kann nicht wahr sein, aber es will durch die Menschen zur Heimkehr
gelangen."
Bloch richtete den Blick auf das, "was die Dinge, Menschen und Werke
in Wahrheit seien, nach dem Stern ihres utopischen Schicksals, ihrer
utopischen Wirklichkeit gesehen." Im Alter hat er dazu
erläutert: "Wahrheit in diesem Sinn ist nicht die
wissenschaftliche und auch nicht die phänomenologische, sondern
eine utopische Kategorie. In ihr sind das wahre Sein und die Welt
getrennt. Die Realität wird nicht aus- oder eingeklammert, sondern
verworfen: utopische Wesensschau." "Nur in uns selber brennt
noch Licht, nicht in der Welt."
Das fragende Staunen, das bohrende Grübeln, das sich auf das
Unscheinbare richtet, "das dermaßen leise gellt", hat mich
begleitet. Es will "Etwas" aus uns heraus. Es geht um eine
Selbstbegegnung, "vermittels derer (so Bloch) das Inwendige
auswendig und das Auswendige wie das Inwendige werden kann."
So hat der "Materialist" Bloch einen Beitrag geleistet, mich auf
einen geistigen Weg zu führen. Ich traf auf die Frage des Parzival:
"Was fehlt dir?" Und in der Frage erklingt , wenn sie in innerer
"Gralssphäre" gestellt wird, die Antwort. Es geht um das
Heilwerden, um eine neue Seelenform, um den nicht endenden Weg, die
Utopie zu konkretisieren.
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