Friedrich Schiller und der Spieltrieb
02.06.2010 von Gisela Hildebrandt
Friedrich Schiller
Thomas Mann sagte in seiner Gedenkschrift zum 150. Todestag Schillers:
"Wenn man Schillers spezifische Größe umschreiben
möchte, spricht man von einer generösen, hochfliegenden,
flammenden, weltalltrunkenen Größe.
Und in dieser fast übermäßigen, der Freiheit
verschworenen Männlichkeit steckt ein Künstlerkind, das in
aller Welt nichts höheres weiß als das Spiel, das da sagt,
unter allen Geschöpfen allein der Mensch könne spielen und sei
nur Mensch, wenn er spiele."
Folgen wir einmal diesem Gedankengang.
In seinen ästhetischen Schriften sucht Friedrich Schiller einen
Vermittler zwischen zwei Trieben: dem Sinnentrieb und dem Formtrieb.
Der erste Trieb, der Sinnentrieb, geht von der sinnlichen Natur des
Menschen aus. Er setzt den Menschen in die Schranken der Zeit und macht
ihn zu Materie. Der sinnliche Trieb fesselt den höher strebenden
Geist mit unzerreißbaren Banden an die Sinnenwelt.
Der zweite Trieb, den Schiller Formtrieb nennt, geht von der
vernünftigen Natur des Menschen aus und ist bestrebt, ihn in die
Freiheit zu versetzen und Harmonie in die Verschiedenheit seines
Erscheinens zu bringen.
Sodann gibt es den vermittelnden Treib, den der Dichter
"Spieltrieb" nennt.
Hierüber trifft Schiller verschiedene erläuternde Aussagen,
wie:
"Mit dem Angenehmen, mit dem Guten, mit dem Vollkommenen ist es dem
Menschen nur ernst. Aber mit der Schönheit spielt er. Freilich
dürfen wir uns hier nicht an Spiele erinnern, die im wirklichen
Leben betrieben werden und die sich gewöhnlich auf materielle
Gegenstände richten."
Schiller meint ein Spiel auf einer höheren, ideellen Ebene. Als
eine seiner Varianten nennt er auch den "Putz", die Mode, da sie
den Menschen äußerlich in Szene setzten will.
Wenn zu Schillers Zeit das Wort Kreativität bereits geläufig
gewesen wäre, hätte er dann diesen Begriff statt
"Spiel" verwandt?
Von Kreativität sprechen wir meist im Bereich der Erwachsenenwelt;
mit Spiel assoziieren wir das Tun eines Kindes.
Wir können beobachten, wie ein Kind mit großem Ernst, sehr
konzentriert und mit Wagemut auf eine Sache vorurteilsfrei zugeht und
dabei alles um sich herum vergisst.
Schiller selbst sagt, der Spieltrieb sei darauf gerichtet, die Zeit in
der Zeit aufzuheben. Eben so, wie wir es beim Kind beobachten
können.
Und wie sieht es mit dem Spiel, der Kreativität der Erwachsenen
aus?
Spielt nicht auch der Wissenschaftler, wenn er mit der Materie
experimentiert?
Kennen wir nicht das Spiel des Künstlers mit Farbe, Formen und
Worten gemäß seiner Intuition?
Ist nicht jeder Mensch auf bestimmte Weise kreativ?
Dennoch sah Schiller zu seiner Zeit Einschränkungen für dieses
Geschehen, wenn er feststellt, dass ganze Klassen von Menschen nur einen
Teil ihrer Anlagen entfalten können, weil der Genuss von der
Arbeit, das Mittel vom Zweck und die Anstrengung von der Belohnung
geschieden werde und dem arbeitenden Menschen die Früchte seines
Wirkens versagt würden.
Das trifft auch heute auf viele zu, allerdings hat der Einzelne heute
eine große Möglichkeit, zur Selbsterkenntnis zu gelangen und
sich seines wahren Wertes bewusst zu werden.
Wie ergeht es dem suchenden Menschen in der heutigen Zeit?
Ist er hier in unserer stofflichen Welt an Grenzen gestoßen, so
versucht er, sie zu überwinden. Er sucht nach dem Sinn des Lebens,
den er trotz vieler Erfahrungen und vergeblichem Hoffen noch nicht
finden konnte. Vermutlich ist er auch von Enttäuschungen
gegenüber dem Leben gezeichnet.
Wo und wie findet er das, was er wahrlich sein geistig-seelisches
Zuhause nennen darf?
Ein derartiges Suchen ist kreativ, ist ein Lauschen nach innen und ein
Ausschauen nach äußerer Realisation. Ist es nicht ein Spielen
mit den Lebensmöglichkeiten dieser Welt?
Suchende Menschen ahnen eventuell, dass es eine andere Realität
gibt, die ihnen noch verschlossen ist. Sie ist gedanklich zum Greifen
nahe, doch sie lässt sich nicht ergreifen.
Die Überlegung kann auftreten: "Wenn ich diese ganze Bibliothek
durchlese, werde ich dann gefunden haben, was ich suche?"
Und eines Tages geschieht es, dass man einem Menschen begegnet, der
einem die Hand reicht zu der neuen Realität. Der bereits gefunden
hat. Das Suchen, das wie ein innerer Ruf war, wird konkret beantwortet,
gemäß dem hermetischen Gesetz: "Gleiches zieht Gleiches
an." Der Zeitpunkt, die Umstände sind da, ein gewisser Zustand
innerer Reife öffnet die Tür zu einer neuen geistigen Geburt.
Ich konnte eine goldene Schnur ergreifen. Für einen Weg, auf dem
sich das Innerste öffnet, eine Lebensdimension, die über die
Werte der bekannten drei Dimensionen hinausgeht.
Wie schrieb es Schiller zwei Jahre vor seinem Tod:
"Immer aber bleib´s verborgen, was ich suche, was ich
will."