Frauenmystik: "Überlegungen zu Karoline von Günderodes
Apocalyptisches Fragment"
06.08.2008
"Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht tausende, es ist Eins und
alles; es ist nicht Körper und Geist geschieden, dass das eine der
Zeit, das andere der Ewigkeit angehöre, es ist Eins, gehört
sich selbst, und ist Zeit und Ewigkeit zugleich, und sichtbar, und
unsichtbar, bleibend im Wandel, ein unendliches Leben" (15.
Fragment).
Mit diesen Worten beschrieb Karoline von Günderode ihre Vision
eines Aufgangs in die Weltenseele, wie sie, die Romantikerin, sie in der
Einsamkeit ihrer Klosterzelle erlebte. Auch heute kennen wir sie, die
Isolation und verzweifelte Suche nach Liebe in dieser Welt, die einen
Sinn der Existenz bedeuten könnte - und finden auf unserer Suche
die Erfüllung auf Dauer nicht. Die vielen psychosomatischen
Erkrankungen unserer Tage sprechen dafür Bände. So erging es
auch Karoline von Günderode, geb. am 11.2.1780, die das
Apocalyptische Fragment aus ihrer Klosterzelle des evangelischen Stifts
für adelige Damen in Frankfurt an ihre Freundinnen, z.B. Bettine
von Arnim, sandte.
Schon mit 6 Jahren wurde sie, nach dem Tod ihres Vaters allein auf sich
gestellt, im Kloster groß, dessen religiöser Alltag neben
schwarzer Kleidung geprägt war von gemeinsamen Mahlzeiten, keinen
Herrenbesuchen, keinem Tanz, keinem Theater u.ä. Nach zwei
unglücklichen Liebesbeziehungen ohne Aussicht auf eine gemeinsame
Lebensführung endete ihr Leben mit einem tragischen Tod.
Am Mittelmeer auf einem Felsen stehend, so ihre Vision, beobachtet sie
einen Sonnenuntergang und -aufgang, der sich in immer rascherem Wechsel
vollzieht. Von der Beschleunigung von Raum und Zeit ermüdet,
schläft sie ein und sieht das weite Meer ohne Ufer vor sich, das
"Reich der Mütter" Goethes, der Urformen, aus dem Gestalten
entsteigen und in das Gestalten zurück kehren; es ist die andere
Welt, die wir aus den Märchen kennen, die dort mit Metaphern wie
"hinter dem Wald", "jenseits des Meeres" oder "im
Brunnen" gekennzeichnet wird, in den zum Beispiel die Goldmarie der
Gebrüder Grimm auf Befehl der Stiefmutter hineinspringen muss, um
in der anderen Welt das Paradies anzutreffen. - Dort erlischt auch
für Karoline das Persönlichkeitsbewusstsein. Als sie wieder zu
sich kommt, empfindet sie sich wie einen Tropfen Tau: "und bewegte
mich lustig hin und wieder in der Luft und freute mich, dass die Sonne
sich in mir spiegle und die Sterne mich beschauten" (9. Fragment).
Im Hier und Jetzt des Seelenbewusstseins erwacht in ihr nun die
Ursehnsucht, zurückzukehren zu der Quelle allen Lebens. Alsdann
fühlt sie sich ihrer individuellen Gefühlswelt enthoben,
entgrenzt und in das Einheitsbewusstsein der Weltenseele aufgehen.
Im Leben hatte sie stets Schiffbruch erlitten und war krank an
"Zagen und Zaudern". Häufig wurde sie auch von ihren
engsten Freunden nicht verstanden, die ihre Lebensphilosophie als
"Schwebereligion" bezeichneten. Aber ihr Wissen um das
Aufgehobensein des höheren, wahren Menschen im All-Sein, wie sie es
uns in ihrem Fragment dokumentiert, ist mir zum Wegweiser geworden. So
lautete denn auch eine ihrer Maximen: "Was soll ich lernen, was
andere schon wissen, das geht ja doch nicht verloren?"