Der androgyne Mensch - Noch einmal: Vom Menschenbild Jakob Böhmes
30.07.2008 von Hermann Achenbach
Im Anschluss an eine kürzlich erschienene Kolumne möchte ich
noch einen Aspekt des Menschenbildes Jakob Böhmes (*1575) darlegen,
nämlich die mikrokosmische Betrachtung des Menschen und die
Androgyn-Frage (griechisch: aner = Mann, gyne = Weib).
In seinem 22. Theosophischen Sendbrief formuliert er: "Denn der
Mensch ist eine kleine Welt in der großen und hat der ganzen
großen Welt Eigenschaften in sich." Hier decken sich seine
Ansichten mit denen von Paracelsus (*1493) und berühren die
Systematik der Monadenlehre von Gottfried Wilhelm Leibniz (*1646). Der
Mensch wird als Mikrokosmos beschrieben, in dem alle Kräfte und
Erfahrungswerte enthalten sind, auch die Ursubstanz des Göttlichen.
In der Genesis (1. Mose 1, 27) heißt es: "Und Gott schuf den
Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie
einen Mann und ein Weib." Im hebräischen Text werden die Worte
"sakar-u-nekeba" als Adjektive verwendet und bedeuten damit
"männlich und weiblich". Die korrekte Übersetzung
müsste also heißen: "männlich und weiblich schuf er
sie". Hier wird offensichtlich der Mensch als ein androgynes Wesen
beschrieben, das zugleich grundsätzlich seinem Schöpfer
entspricht. Der Schöpfungsprozess hat im Menschen alle weiblichen
und männlichen Aspekte vereinigt. Das bedeutet, dass der Mensch im
Urzustand Träger beider Kraftpotenziale war.
Böhme schreibt: "Adam (das erste menschliche Wesen), ein
ganz Gleichnis nach Gott, war ein Mann und ein Weib..." Erst mit
dem sog. Fall aus dem Paradies, anders formuliert, mit der Abwendung
oder Absonderung des Mikrokosmos aus dem göttlichen Gebiet,
entwickelten sich zwei Wesen: die Frau und der Mann, denen jeweils das
"andere Element" fehlte, die also entweder weiblich oder
männlich polarisiert waren und es bis heute sind. In vielen
religiösen Überlieferungen gibt es deutliche Hinweise zu
diesem Thema. Das Wissen um die weiblich-männliche Ganzheit gab es
zu allen Zeiten. Bekannt sind z. B. die Mutter/Vater-Gottheiten oder
männlich-weibliche Götter. Die Geschlechterzweiheit wird auf
eine übergeschlechtliche ursprüngliche Einheit zurück
geführt.
Böhme deutet in christlichem Zusammenhang, was Judentum (Kabbalah
und Talmud) und alttestamentarischer Schöpfungsmythos zur
Androgyn-Frage aufzeigen. Er wird damit zur Basis vieler Philosophen und
Esoteriker nach ihm, wie z.B. Friedrich von Oetinger, Nikolai Berdjajew,
Rudolf Steiner, H.P.Blavatsky und Max Heindel. Leonardo Da Vinci sowie
Galileo Galilei hatten bereits ähnliche Gedanken
geäußert. Böhme zeigt in seinen Beschreibungen eine
ausgesprochene Eigenständigkeit. Seine Sicht entsprang seiner ihm
eigenen persönlichen tiefen geistigen Schau.
Auch in alten Quellen wird der Mensch als ursprünglich androgynes
Wesen angesehen, so in den indischen Veden und Upanishaden, in der
iranischen Avesta, im Mithraskult, in den chaldäisch-assyrischen
Überlieferungen, bei den Griechen sowie in der nordischen Edda und
bei den alten Germanen sowie den frühen Gnostikern, wie
beispielsweise Philo von Alexandrien.
In seinem Buch "Mysterium Magnum" schreibt Böhme:
"Adam war ein Mann und ein Weib...Er hatte beide Tinkturen vom
Feuer und Lichte in sich, in welcher Konjunktion die eigene Liebe als
das jungfräuliche Zentrum stund ... Eva ist Adams Matrix."
Er will uns wohl sagen und dies scheint mir sein "Wahrheitsbild"
zu sein, dass die Lösung des menschlichen Gefallenheitsproblems
oder die Erlösung aus der Zweipoligkeit dadurch erreicht werden
kann, dass die Wiederherstellung des einstigen androgynen Urbildes, des
"jungfräulichen Adam" angestrebt und wieder verwirklicht
wird. Dies geschieht aus rosenkreuzerischer Sicht durch die
Überwindung des ich-bezogenen Lebens und das Streben, dem
göttlichen Prinzip im Mikrokosmos wieder Raum zu lassen. Dadurch
findet ein neues Seelenwachstum statt. Die neue, die ursprüngliche
Seele entfaltet sich aus dem fortbestehenden geistigen Urkeim. Sie birgt
die metaphysische Einheit von Mann und Frau in sich, in ihr erwacht der
ursprüngliche, "jungfräuliche Adam",
weiblich-männlich polarisiert. Er nimmt den abgebrochenen Weg
wieder auf, der in der göttlichen Einheit "von Herrlichkeit zu
Herrlichkeit" führt.
Ist das nicht die große Perspektive unseres Daseins? Wird hier
nicht deutlich, welche Aufgabe wir als menschliches Wesen haben?
Erscheint es nicht, angesichts der immer unlösbarer werdenden
gesellschaftlichen und globalen Menschheitsfragen, angeraten, sich
dieser Aufgabe im eigenen Mikrokosmos zu widmen? Damit würde der
Christusimpuls in der Menschheit und für die Menschheit real
wirksam.
Abschließend drei Abschnitte eines Gedichtes von Novalis (Friedrich
von Hardenberg):
Es sind an mir durch Gottes Gnade
Der höchsten Wunder viel geschehn;
Des neuen Bunds geheime Lade
Sah´n meine Augen offenstehn.
Ich habe treulich aufgeschrieben,
Was innre Lust mir offenbart,
Und bin verkannt und arm geblieben,
Bis ich zu Gott gerufen ward.
Du wirst das letzte Reich verkünden,
Was tausend Jahre soll bestehn;
Wirst überschwänglich Wesen finden
Und Jakob Böhmen wieder sehn.
Foto: Handschrift von Jakob Böhme: Gnadenwahl