"... dass er sich selbst lerne kennen". Vom Menschenbild Jakob
Böhmes
02.07.2008 von Hermann Achenbach
Die geistige Schau Jakob Böhmes kann unsere Gedanken stark
vertiefen. Neben seinen Betrachtungen zur Gotteserkenntnis und seinen
kosmologischen Überlegungen (s. meine Kolumnen vom Jahr 2007) hat
er ein umfassendes Menschenbild der Zukunft entworfen. Clemens von
Alexandria, der der Gnosis von Alexandrien zugerechnet wird,
konstatierte zu Anfang der Zeitrechnung in seiner Schrift, Excerpta ex
Theodoto, dass laut Theodot die Weisheit des Menschen in der Erkenntnis
besteht:
* Wer sind wir?
* Was sind wir geworden?
* Woher stammen wir?
* Wohin sind wir geraten?
* Wohin eilen wir?
* Wovon sind wir erlöst?
* Was hat es mit unserer Geburt und Wiedergeburt auf sich?
Nimmt man Jakob Böhmes Buch "De tribus principiis" oder
"Beschreibung der drey Principien göttlichen Wesens" von
1619 zur Hand, stellt man erstaunend fest, dass er sich fast wortgleich
mit diesen Fragen auseinander setzt:
"Es kann sich der Mensch von Mutterleibe an im ganzen Laufe
seiner Zeit in dieser Welt nichts fürnehmen, das ihm
nützlicher und nötiger sei als dieses, dass er sich selbst
lerne kennen:
* Was er sei?
* Woraus oder von wem?
* Wozu er geschaffen sei?
* Was sein Amt sei?"
Klingt dem Leser nicht sogleich die Richtschnur der Pythia im
Apollon-Tempel zu Delphi im Ohr:
"Mensch erkenne dich selbst, und du wirst die Götter
erkennen!"
Auch Hippolyt von Rom ( 2. Jh.), dem Texte der frühen Kirche
zugeschrieben werden, äußert dies mit folgenden Worten:
"Anfang der Vollendung ist die Erkenntnis des Menschen;
Gotteserkenntnis ist die vollständig erreichte Vollendung."
Böhme betrachtet den Menschen prinzipiell nicht aus der
Persönlichkeitssicht, sondern es schwingt immer das Universelle und
Ganzheitliche in seinen Schriften mit. Dass der Mensch überhaupt in
der Lage ist, sich selbst zu erkennen, ist in der Liebe Gottes
begründet. Die Erkenntnisfähigkeit des Menschen und die
göttliche Liebe beziehen sich aufeinander, so Böhme. In seiner
Vorrede zu: Von den drey Principien, schreibt er:
"Denn es kann sich kein Mensch entschuldigen seiner Unwissenheit,
sintemal Gottes Wille ist in unser Gemüthe geschrieben, dass wir
wohl wissen, was wir thun sollen... Ja es ist notwendig, dass wir uns
lernen kennen, da der Teufel bey uns in dieser Welt wohnet und uns
täglich verführt, von Gott abzufallen..."
Jakob Böhme geht davon aus, dass der Mensch grundsätzlich aus
der Vollkommenheit stammt, aber durch den sog. Fall aus dem
Göttlichen in die zweipolige Diesseits-Jenseits-Welt mitgerissen
wurde. Die Hoffnung sieht er darin, dass der Mensch, der
ursprünglich ein Ebenbild des Göttlichen ist (imago dei),
dieser "atomar noch vorhandenen Substanz" in sich wieder Raum
gibt. Durch dieses auf Gott bezogene, oder verständlicher, auf ein
neues, anderes kosmisches Gebiet bezogene menschliche Bemühen
werden für die gesamte Menschheit neue Fakten geschaffen. In dem
Raum, in dem wir leben, kann der Christus wiedergeboren werden. Das
heißt: Der kosmische Christus, oder wie es die Bibel sagt
"der Christus in den Wolken" kann wieder in dieser Welt
befreiend wirksam sein.
Grenzt es nicht an ein Wunder, dass Jakob Böhme in einer Zeit, in
der die Menschheit in Europa den 30-jährigen Krieg erleiden musste,
in der eine Pestepidemie der nächsten folgte und jeder
Andersdenkende von der kirchlichen Inquisition verfolgt wurde und mit
Folter und dem Tode rechnen musste, solche tiefen Gedanken
niederschrieb?