"Zeichen am Weg"
15.04.2008 von Roland Knecht
Zahlreiche Begegnungen mit Menschen ließen mich erkennen, dass in
praktisch jedem Individuum eine mehr oder weniger bewusste Suche nach
Vollkommenheit, nach etwas Ewigem und Absoluten wirksam ist. Und ebenso
zahlreich sind die Bücher und Texte, die von einer solchen Suche
und einer unerschütterlichen Sehnsucht Zeugnis geben, einer
Sehnsucht, die dem innerlichen Streben vieler Menschen zugrunde liegt.
In einer Veröffentlichung von Tagebucheintragungen, die der zweite
Generalsekretär der Vereinten Nationen (UNO) - der Norweger Dag
Hammarskjöld (1905 - 1961) - im Laufe seiner aufregenden
beruflichen Laufbahn verfasst hatte, stieß ich auf die
unverkennbaren Zeugnisse seiner individuellen Wahrheitssuche.
Die feinsinnige Wahrnehmung spiritueller Lebenszusammenhänge und
seine Erkenntnisse daraus sind in dem Buch "Dag Hammarskjöld -
Zeichen am Weg" (erschienen 1965, München/Zürich)
enthalten.
Als gemeinsames Merkmal dokumentieren sie die Signatur eines strebend
suchenden Menschen, der mit unerschütterlicher Sicherheit von der
Gewissheit durchdrungen ist, dass jedem Menschenschicksal eine
höhere Bestimmung zugrunde liegt, sozusagen ein spiritueller
Auftrag, durch den wir alle mit dem wahren Sinn des Lebens verbunden
sind.
Einmal notierte Dag Hammarskjöld: "Dein persönliches Leben
kann keinen beständigen, spezifischen Sinn haben. Einen ... Sinn
kann es nur gewinnen, wenn es eingeordnet und untergeordnet ist, unter
etwas, das unvergänglich "besteht" und selbst einen
"Sinn" besitzt."
Und weiter schrieb er: "Ob "wahres Leben" ist? Prüfe
und du wirst es erleben: "Wahres Leben" als Wirklichkeit! Du
wirst finden, dass dem "wahren Leben" untergeordnet, dein Leben
seinen ganzen Sinn bewahrt, ungeachtet des Rahmens, den du zu seiner
Verwirklichung erhieltest. Du wirst finden, dass des ständigen
Abschieds, der stündlichen Selbstaufgabe Freiheit deinem Erlebnis
der Wirklichkeit jene Reinheit und Schärfe gibt, die -
Selbstverwirklichung ist."
Wie wirkte sich dieser Anspruch im täglichen Leben von Dag
Hammarskjöld aus? Als UNO-Generalsekretär strebte er auch in
seinem höchsten Amt unermüdlich um wahre Menschwerdung in
Demut. Eine Demut, aus der allein er sich berechtigt sah, Entscheidungen
zu treffen und Anweisungen zu geben.
Beispielsweise dokumentierte er sein Ringen mit folgenden Worten:
"Die Stellung gibt dir nie das Recht zu befehlen. Sie gibt nur
die Schuldigkeit, so zu leben, dass andere deinen Befehl annehmen
können, ohne erniedrigt zu werden."
An anderer Stelle schrieb er: "Es gibt keine Geschichte, als die
der Seele; keinen Frieden, als den der Seele." Und weiter:
"Nicht ich, sondern Gott in mir".
Ist dies nicht der Weg, auf dem wir uns mit dem geistigen Wesen aller
Menschen vereinen?
Dag Hammarskjöld erkannte das Leben aller Menschen als den mehr
oder weniger bewussten Versuch, dem ihnen noch unbekannten,
göttlichen Sein Ausdruck zu geben.
Eine eigenartige, beglückende Wahrheit: Unsere individuelle
Selbstverwirklichung gelingt dann, wenn wir uns dem allgemeinen, dem
göttlichen Auftrag an die Menschheit unterordnen.
Die Tagebucheintragungen von Dag Hammarskjöld sind für mich
ein sichtbares Zeichen eines "hermetischen" Erkenntnis- und
Lebensweges.