Vom Strom der inneren Wahrheit
02.01.2008 von Ofelia Robles
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) suchte die universelle Wahrheit,
die hinter den Religionen steht. Seine Gedanken, die er vor circa 250
Jahren nieder schrieb, können meines Erachtens auch heute noch
Wegweiser sein für alle, die tiefergehend suchen und die
spüren, dass es einen gemeinsamen Kern der Religionen gibt.
In seinem "Testament Johannis" fasst er in zwanzig Paragraphen
zusammen, worin seines Erachtens die wahre Religion besteht, auf die
sich die unsichtbare Kirche Christi gründet. Er schreibt u.a.:
"Der Inbegriff jener Glaubensbekenntnisse heißt bei den
ältesten Vätern 'regula fidei'. Diese Regula fidei ist
nicht ursprünglich aus den Schriften des Neuen Testaments
gezogen.
Diese Regula fidei ist sogar älter als die Kirche. Denn die
Absicht, zu welcher, die Anordnung, unter welcher eine Gemeinde
zusammengebracht wird, ist ja wohl früher als eine Gemeinde.
Mit dieser Regula fidei haben sich nicht allein die ersten Christen,
bei Lebzeiten der Apostel, begnügt, sondern auch die nachfolgenden
Christen der ganzen ersten vier Jahrhunderte haben sie für
vollkommen hinlänglich zum Christentum gehalten. Die Regula fidei
also ist der Fels, auf welchen die Kirche Christi erbaut worden, und
nicht die Schrift.
Die Regula fidei ist der Fels, auf welchen die Kirche Christi erbaut
worden, nicht Petrus und dessen Nachfolger".
Hier legt Lessing die Axt an die Fundamente der christlichen und anderer
Religionen, soweit sie sich auf bloß historische, also relative
Wahrheiten oder den Buchstaben der Heiligen Schrift und den Kanon
stützen und damit den Zugang zum lebendigen Strom der inneren
Wahrheit der Religion Christi verwehren. So schreibt er schon als
Einundzwanzigjähriger :
"So lang ich nicht sehe, dass man eins der vornehmsten Gebote des
Christentums, seine Feinde zu lieben, nicht besser beobachtet, so lange
zweifle ich, ob diejenigen Christen sind, die sich davor
ausgeben."
Gemessen an der lebendigen Quelle des Glaubens komme es den christlichen
Religionen nicht zu, sich als "christlich" zu bezeichnen,
folgten sie doch dem "sanften" Weg der christlichen
Glaubenslehren in der Meinung, sie könnten sich damit den Himmel
verdienen. Sie seien so mit ihrer Selbstliebe beschäftigt, dass sie
Gott für ein Wesen hielten, das nicht leben könne, wenn sie
ihm nicht seine Morgen- und Abendopfer brächten. Diese
"unchristliche, christliche Liebe" aber führe auf den
"Weg zur Hölle", wohingegen die wahre christliche Liebe ein
Joch und eine Aufgabe für die Menschheit bedeute, denn Gott sei
Geist, "den sollt ihr im Geist anbeten".
Mit diesem Auftrag der Liebe als Ausfluss der geistigen Christuskraft
(deren Symbol in der Ringparabel der Opalring ist) habe Jesus Christus
seine Jünger in die Welt geschickt, um die Entwicklung der ganzen
Menschheit über ihre veräußerlichte Religiosität
hinaus auf ihre wahre Bestimmung zu orientieren, auf die Erkenntnis
ihrer Gotteskindschaft, die jegliche Unterschiede zwischen den
Religionen übersteige.
Lessing beklagte, dass seine Zeitgenossen wieder zur Befolgung des
Gesetzes zurückgekehrt seien, statt dem lebendigen Christuswort zu
folgen.
Aufgrund seiner Äußerungen war er von der protestantischen
Kirche mit einem Schreibverbot belegt worden, woraufhin er sich der
Dichtung zuwandte und seinen "Nathan der Weise" schrieb, das
Theaterstück, das auf den gemeinsamen Kern der Religionen hinweist.
Es scheint ein Stück für eine ferne Zukunft zu sein, ... es
sei denn, wir verwirklichen es "schon" jetzt.