Grenzen der Freiheit?
22.08.2007 von Dr. Martin Zichner
Kürzlich ergab sich für mich die Gelegenheit, in Weimar das
Schillerhaus zu besuchen. Dort begegneten mir immer wieder Zeugnisse,
die das Wesen der Freiheit zum Thema hatten. Schiller gilt vielen vor
allem als Dichter der Gedankenfreiheit. Freiheit – so kam es mir vor –
hat viele, viele Ebenen und Ausdrucksformen.
Wenn man das Leben des Dichters betrachtet, so kann man nachempfinden,
wie Freiheit bei ihm von außen nach innen, also bis in den Bereich
der Seele, Ausdrucksformen gesucht und gefunden hat.
Da gibt es den jungen Schiller, der allmählich als Mensch aufwacht.
Er macht sich Gedanken zu Beruf und Berufung im künftigen Leben. Er
hat zunächst so gut wie keinen Spielraum. Eine freie,
individuell-persönliche Entwicklung ist ihm – von außen her
gesehen - nicht vergönnt. Der Herzog Karl Eugen von
Württemberg hielt und behandelte seine Zöglinge in der
Karlsschule – einem Eliteinternat – wie Leibeigene. Der Tagesablauf war
vollkommen programmiert durch Drill und Überwachung. Die jungen
Menschen konnten keinerlei persönliche Wünsche geltend machen.
Sogar die Gedanken mussten verheimlicht werden. Schillers Vater musste
zum Beispiel unterschreiben, dass sich sein Sohn fortan ganz dem Dienst
des Herzogs widmen werde. Einmal entschloss sich Schiller in seiner
Verzweiflung, einen Brief an den Herzog zu schreiben, vollkommen
unterwürfig, sich selbst herabsetzend und verleugnend, um ein klein
wenig Gehör für seine Anliegen zu finden. Doch vergebens! Es
kam, wie es kommen musste. Er verkümmerte wie eine Pflanze an einem
ungünstigen Standort. Bereits im dritten Schuljahr war er der
schlechteste Schüler - eine wohl instinktive Abwehr gegen ein
System, das den Menschen ganz und gar verachtete. Schließlich floh
er mit einem Freund aus dem Herzogtum.
Seine Erfahrungen drängten ihn dazu, seine ganze innere Kraft
zusammen zu nehmen. Inspiration und Begabung ließen ihn zu einem
der bedeutendsten Dichter des Theaters werden. In "Kabale und
Liebe" rechnet er schonungslos mit dem brutalen absolutistischen
System ab. In "Don Carlos" fällt das viel zitierte Wort
"Geben Sie Gedankenfreiheit!"
Bemerkenswert war für mich vor allem, wie eine Art
Selbstverwandlung in Schiller stattfand. Denn er begann mit einem mal,
sich innerlich mehr und mehr zu befreien von einengenden Empfindungen.
Das Freiheitsstreben erhielt eine Richtung nach innen. Goethe hat diesen
Verwandlungseffekt in folgende Worte gefasst: "Durch alle Werke
Schillers geht die Idee der Freiheit. Und diese Idee nahm mit der Zeit
eine andere Gestalt an, indem Schiller in seiner Kultur weiterging und
selbst ein anderer wurde. In der Jugend war es die physische Freiheit,
die ihm zu schaffen machte und die in seine Dichtung überging. In
seinem späteren Leben war es die ideelle Freiheit!"
Noch etwas berührte mich beim Besuch in Weimar. Es schien mir, dass
sich Schiller als Werkzeug göttlich-geistiger Mächte
fühlte. Er schreibt zum Beispiel: "Mich hält kein Band,
mich fesselt keine Schranke, frei schwing ich mich durch alle Räume
fort. Mein unermesslich Reich ist der Gedanke und mein geflügelt
Werkzeug ist das Wort!"
Er kämpfte sich ein Leben lang durch zum Geist der Freiheit –
religiös, politisch und weltanschaulich. "Ich schreibe als
Weltbürger, der keinem Fürsten dient!" Das Wort
"Fürst" kann man hier sicher sehr weit auslegen. Vielleicht
meinte Schiller damit auch die herrschenden Gedankenströme, durch
die die Menschen in ihrem Inneren unterjocht werden.
Zu Herzen gehend ist auch sein religiöses Empfinden: "Welche
Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst! Und warum
keine? Aus Religion!" Offensichtlich ging es ihm um die eine
geheimnisvolle Wahrheit und nicht um äußere Kultformen.
Gibt es überhaupt eine Grenze für das Freiheitserleben?
Schiller hat hierauf ebenfalls eine Antwort gesucht. Als er Goethes
Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" gelesen hatte, schrieb er:
"Wie lebhaft habe ich bei dieser Gelegenheit erfahren, dass das
Vortreffliche eine Macht ist." Und er fährt fort: " ...dass
es dem Vortrefflichen gegenüber keine einzige Freiheit gibt als die
Liebe!" Freiheit und Liebe gehen auf einer bestimmten Ebene
ineinander auf - in immer höheren Spiralen. Und diese Entwicklung
kennt keine Grenzen...