Tiefere Bewusstseinsbildung durch das moderne Theater ?
04.11.2009 von Dr. Martin Zichner
Friedrich Dürrenmatts Stück "Herkules und der Stall des
Augias"
Einleitung
In der griechischen Mythologie wird von den zwölf Arbeiten des
Herkules berichtet, die er im Auftrag seines Vetters Eurystheus zu
vollbringen hatte. Diesen Stoff hat Dürrenmatt auf eine geniale
Weise neu gestaltet.
Der berühmte Literatur- und Theaterkritiker Marcel Reich-Ranicki
hat Dürrenmatt einmal wegen seines satirischen Verhaltens einen
Menschen genannt, der sich bequem zwischen alle Stühle setzt. Nie
hat er vordergründig irgendwelchen Konventionen gedient. Das
heißt, er schielte nie nach fragwürdigem und bequemem Beifall.
Ablehnung nahm er hin. Ihm ging es offensichtlich im tieferen Sinne
immer darum, die Menschen unmittelbar aufzurütteln. Er wurde sogar
als atheistisch bezeichnet, was sicher nicht stimmt. Selbst wenn er
einmal von sich sagte, dass er seine Stücke immer an der denkbar
schlechtesten Stelle der Gesamtentwicklung aufhören lässt, wo
zunächst vordergründig keine Lösung zu sehen ist. Das
Wort vom Atheismus ist aber nicht berechtigt. Denn Dürrenmatt zielt
mit seiner Arbeit ganz bewusst auch in die geistige Tiefe des Menschen.
Damit fordert er uns dazu auf, selbst eine höhere Lösung zu
finden. Alles wird bei ihm mit einer Art GAU beendet. Warum wohl?
Dürrenmatt führt uns mit seinen Betrachtungen an eine Grenze,
die wir allein nicht so ohne weiteres erreichen. An der Grenze sollen
wir weiter suchen, um zu einem Durchbruch zu gelangen. Das kann ein
Vorstadium werden, um zu einem wirklichen spirituellen Erleben zu
gelangen. Man kann es so empfinden: Dürrenmatt verfremdet den
antiken Stoff, indem er die heutigen aktuellen Probleme unserer Zeit mit
einer antiken Rahmenhandlung umkleidet. Er schildert ungemein markant
diverse Probleme unserer Zeit. Er stößt damit auch an die
psychische Grenze des Menschseins, insbesondere auf dem Gebiet des
Verhaltens. Das soll nachdenklich stimmen. Der Betrachter wird dazu
aufgefordert, die zwei Seiten des Menschseins zu entdecken und zu
hinterfragen. Da ist die Seite des äußeren Menschen mit seinen
Verhaltensmustern und da ist die zunächst verborgene Seite des
höheren Menschseins, die bei der Begegnung mit dem Stoff
Dürrenmatts auch entdeckt werden kann. Dazu ist inneres
Bemühen nötig, also ein Ringen um die Fragen des Daseins, die
in uns aufsteigen können.
Die fünfte Arbeit des Herkules bestand in der Reinigung des Stalls
des Königs Augias.
Bei Dürrenmatt besitzt Herkules eine Art modernen Manager, der sich
um seinen Hof und den Haushalt mit kümmert. Das ist Polybios.
Wie sieht bei Dürrenmatt der Augiasstall aus und wie erleben wir
den Herkules? Welche Rolle spielt Herkules? Herkules ist tief
verschuldet und die Gläubiger rennen ihm wegen seiner Schulden die
Tür ein. Bisher hat er sich in Griechenland die Aufgabe gestellt,
das Land für den Geist zu säubern. Nun kommt aus Elis, dem
Land des Augias, eine denkwürdige Kunde. Herkules soll dem
König Augias aus einer verzweifelten Lage helfen.
Selbsterkenntnis ist schwer - eigentlich das Schwerste.
Wir werden in die Landschaft von Elis geführt, wo Augias regiert.
König Augias stellt zur Situation in seinem Lande fest: "Es
stinkt in unserem Land, dass es nicht auszuhalten ist. Wir sind total
vermistet." Das stellt auch die Volksversammlung von Elis fest.
"Das ganze Land ist völlig verdreckt". "Aber" , so
gibt ein Volksvertreter zu bedenken, "dafür sind wir das
älteste Land Europas", also ein "beruhigendes"
Gegenargument. Ein anderer Bewohner entgegnet: "Es soll aber
Länder geben, wo der Mist nicht so hoch ist." Eine Gegenstimme
erinnert demgegenüber an die treue Erfüllung der Pflichten in
Elis: "In die Tempel gehen doch noch immer die meisten von uns!"
So schlecht sieht es doch gar nicht aus.
Das Empfinden für wirkliche Reinigung tut not.
Ein nachdenklicherer Betrachter antwortet darauf: "Gegen den Mist
helfen auch die Tempel nicht mehr, nur noch das Ausmisten kann
helfen." Alle nicken dazu und sagen übereinstimmend: "Wir
sind uns einig - es muss ausgemistet werden!". Da kommt bereits der
erste Zweifel auf: "Sollen wir nur ein wenig oder ganz und gar
ausmisten?" Noch ist die Runde einhellig der Meinung: "Radikal
ausmisten, radikal ausmisten! Einfach ran an der Mist." Augias
findet: "Ein wahrlich großes Wort! Aber wenn wir selbst
ausmisten, dann haben wir alle Hände voll zu tun und können
uns um nichts mehr kümmern. Ich schlage vor, daß wir den
griechischen Helden Herkules holen, den berühmten
Griechenlandreiniger!" Elis nimmt Verbindung mit dem Haushalter von
Herkules auf, also mit Polybios aus Samos. Dieser wird von Herkules
wegen der Unzumutbarkeit des stinkenden Auftrages zunächst grob
abgewiesen. Polybios wendet sich daraufhin an die Gemahlin von Herkules
mit Namen Deianeira und erläutert ihr die Chance, weil mit Hilfe
der Reinigung ein Honorar anfällt, was wiederum zur Schuldentilgung
des Herkuleshaushaltes beitragen kann. Augias ist zwar ein
Bauernkönig, der nur bis drei zählen kann, aber es ist doch
ein sehr hohes Honorar zu erwarten, wenn der König viele Dreier der
Reihe nach schreibt. Herkules wankt: "Ja, wir haben Schulden, aber
jetzt soll ich misten? Denkt Euch mal, was ihr von mir verlangt. Ich
soll das Land bei einem Mann ausmisten, der kaum bis drei zählen
kann! Nein das geht nicht!"
Die Stimmung vor Ort in Elis ist sehr euphorisch. Alle rechnen mit dem
Kommen von Herkules. Es gibt volkstümliche Lieder. Man besingt im
Volk, wie der Mist himmelhoch aufgetürmt ist und sogar die Tempel
mit Mist angefüllt sind. Doch jetzt ist unmittelbar Rettung in
Sicht. Herkules lässt sich aufgrund der eigenen Schuldensituation
und des Elends von Elis umstimmen. Er reist nach Elis. Ein Kinderchor
steht zur Begrüßung bereit. Die Kinder singen: "Der Mist
stinkt an allen Ecken und Enden. Doch ist uns nun der Retter nah."
Ein hoher Abgeordneter empfängt ihn mit der goldenen Mistgabel in
der Hand. Überall leuchten in der Stadt die Mistfeuer zur
Begrüßung. Alle singen "Der Mist muß fort!" Alle
begrüßen also Herkules, es fehlt nur noch Augias. Da kommt die
typische Frage von Dürrenmatt: "Hat Augias schon den silbernen
Melkstuhl verlassen?" Das sind die so gut bekannten
Fleischtöpfe Ägyptens, die Vettern- und
Günstlingswirtschaft. Mit einem Wort, die ausbeutenden
Pfründe, die bisher das Leben des Augias bestimmt haben.
Herkules sichtet das Übel.
Herkules wird der Reihe nach von den verschiedenen Interessenvertretern,
Verbänden und Honoratioren von Elis begrüßt. Es ist ein
Aufmarsch der Lobby des ganzen Landes. Herkules beeindruckt bei dieser
Gelegenheit das Gekrächze vieler fetter schwarzer Krähen, die
vom fortwährenden Fressen fetter Mistfliegen dick geworden sind und
kaum mehr fliegen können. Auch wirken für ihn die Mistgebirge
von Elis bei der Abenddämmerung von der Ferne aus sogar fast
romantisch. Phyleus, der Sohn des Augias, übernimmt die Aufgabe,
mit Herkules eine Erkundungsreise durch die Mistgebiete von Elis zu
unternehmen. Herkules überquert mit ihm in Miststiefeln ungeahnte
Abgründe von Mist, die noch niemand bemerkt hat.
Die Reinigungsidee des Herkules.
Da hat Herkules eine prachtvolle Idee. Er will zwei mächtige
Wasserströme durch das Gebiet lenken. Die Volksversammlung von Elis
bewundert den außergewöhnlichen Plan, wendet aber sogleich
ein, dass hier zunächst die Genehmigung des öffentlichen
Wasseramtes eingeholt werden muss.
Nur durch wirklichen Fleiß läßt sich ein bedeutendes
Bauwerk errichten.
Auch die Gattin des Herkules, Deianeira, nimmt lebhaft an den Problemen
von Elis teil. Sie erläutert zwischendurch Phyleus, dem Sohn des
Augias, dass sie aus dem prächtigen Theben stammt mit seinen sieben
Toren. Sie verweist darauf, welch ungeheurer Fleiß zum Bau einer
solch prächtigen Stadt nötig ist. Theben ist der blinden und
grausamen Erde sehr mühevoll durch bewusste Arbeit und Fleiß
abgerungen worden. Phyleus ist beeindruckt.
Bewusstseinszustand ist Lebenszustand.
Elis hingegen ist durch und durch bäuerlich und zu so einer
Leistung unfähig. Das ist die Meinung von Phyleus beim
Zuhören. Er sagt: "Wir beherrschen unser Land schon lange nicht
mehr! Wenn Herkules tatsächlich unser Land säubert, dann wird
er wieder weggehen und über kurz oder lang ist wieder alles voll
Mist."
Mitarbeit zum Schein ist Verrat an der Sache.
Der Haushalter Polybios vermutet hinter dem biederen
Säuberungsanliegen des Augias nicht zu Unrecht eine versteckte
List. Denn Augias spielt in listiger Weise den Interessenvertretern in
seinem Land die "Entscheidung" zu. In Wirklichkeit will er einen
unlösbaren Gordischen Knoten schaffen. Denn Augias erweckt
äußerlich den Anschein der Überparteilichkeit und lenkt
sein Spiel nur umso zielsicherer: "Penteus von Säueboden hat
das Wort", sagt Augias zu einem der Entscheidungsträger im Rat.
Ein menschliches Grundübel - nur nicht mit der Gewohnheit brechen.
Penteus sagt: "Ausmisten Ja! Aber es ist auch meine Pflicht, auf die
Gefahren beim Ausmisten aufmerksam zu machen. Denn unter unserem Mist
liegen versteckt all unsere Schätze und Kostbarkeiten. Die werden
leicht beim Ausmisten beschädigt oder gar weggespült. Denn
unser Mist ruht auf unseren Kulturgütern. Unsere ganze Kunst ist im
Mist verborgen!"
Selbstdemaskierung tut weh.
Danach bekommt "Pathmos von Käsingen" das Wort: "Ich
glaube, daß wir gar keine Schätze und heiligen Güter
haben. Das alles ist nur Aberglaube oder fiktive Meinung. Wenn wir nun
ausmisten lassen, dann kommt es zu einer bösen Überraschung,
weil all unsere Illusionen platzen. Das wäre ein großes
Unglück. Misten wir lieber nicht, dann bleibt unser Glaube an die
heiligen Güter erhalten." Diese Art der Demaskierung
erträgt niemand nach Meinung von Dürrenmatt. Es kommen noch
andere Stimmen zu Wort. In dem Durcheinander der Meinungen wird alles
auf die lange Bank geschoben. Es wird zuständigkeitshalber eine
Kommission nach der anderen gebildet. Der Refrain der Versammlung
lautet: "Setzen wir eine Kommission ein, setzen wir Millionen ein!
Doch verzage nie. In Elis ist es nie zu spät, sondern stets zu
früh!" Alles ist und bleibt ohne greifbares Ergebnis, das meint
Dürrenmatt. Er schildert den einzigartigen Mechanismus der
Auslenkung und Ablenkung. Niemand merkt etwas davon im tieferen Sinn.
Der Weg zur wirklichen Bereinigung ist unendlich weit.
Die tragischen Kompensationsgeschäfte im Leben des Menschen.
Herkules ist erschüttert über den hemmungslosen Ausbruch der
Kommissionen, eine einzigartige Katastrophe. Ein Ende der Kommissionen
ist nicht abzusehen. Das schlägt auch auf Herkules und seinen
verschuldeten Hausstand zurück. Denn er kann seinen Gläubigern
ohne Honorar nichts zurückzahlen von seinen Schulden. Herkules muss
sich in noch tiefere Gefilde begeben.
Der Zirkus des Tantalus oder wie die edelsten Kräfte im Leben
missbraucht werden.
Denn jetzt taucht der Zirkusdirektor Tantalus auf. Er hat auch
Überlebensprobleme mit seinem Zirkus. Er schildert Herkules, dass
zwischenzeitlich sogar das Haus von Herkules in Abwesenheit versteigert
wurde. Er schlägt Herkules ein Bündnis vor, das den modernen
Methoden der Zeit Rechnung trägt. Herkules soll 500 Drachmen
Honorar pro Abend bekommen, wenn er vor dem Publikum im Zirkus eine
Verbeugung als berühmter Heros macht. Herkules resümiert:
"Wir brauchen Geld, also soll ich mich demütig verbeugen vor
der Masse, soll mich verbiegen lassen, ich der Nationalheld
Griechenlands". In seiner Ausweglosigkeit verbeugt er sich
schließlich doch vor dem Massenpublikum. Aber er wird fast ums
gesamte Honorar gebracht, weil der Zirkusdirektor behauptet, dass das
Theater fast nur über Freikarten gefüllt war. Herkules ist
verzweifelt, zumal sich auch seine Lage nicht verbessert hat.
Schließlich verdingt er sich im Zirkus gar als Ringkämpfer und
Gewichtheber. Es geht also sichtbar immer mehr bergab. Dürrenmatt
will zeigen, wie die besten und höchsten Kräfte aus
Unbedachtsamkeit leicht vergeudet werden können. Denn die
Kräfte des Herkules werden für alles Mögliche gebraucht,
nur nicht für das einzig Wesentliche, das Ausmisten.
Zwischenzeitlich melden sich andere griechische Regionen, die vom
Reinigungswillen in Elis Wind bekommen haben. Der pangriechische Rat
beruft eine Versammlung ein. Da ist Arkadien, das im Fremdenverkehr
berühmt ist und nun durch Theben eine unliebsame Konkurrenz
wittert. Da ist auch Sparta, das durch dieses Geschehen eine
Unterminierung der eigenen Gesellschaft befürchtet, ein
Übergreifen des Reinigungsgedankens, wenn die Reinigung in Elis
gelingt.
Wer reinigen will, beunruhigt immer und ist unerwünscht.
Schließlich bekennt Herkules bitter enttäuscht: "Ich bin
am Ende meiner Kräfte!" Seine unmittelbare Umgebung ist
deprimiert. Da kommt ganz unerwartet ein neuer Auftrag. Der König
von Stymphalien, der nur bis zwei zählen kann, braucht ebenfalls
dringend Herkules, um seine Felder von den schrecklichen Vögeln zu
befreien. Diese hinterlassen einen noch schlimmeren Kot als der Mist der
Rinder in Elis. Herkules sagt: "Ich habe hier ausgespielt. Hier
braucht mich niemand". Er zieht bei Nacht und Nebel mit den Seinen
fort, auch wenn Stymphalien noch elender ist als Elis. Am Morgen sucht
Phyleus vergeblich nach Herkules und findet seinen Wohnplatz leer.
Phyleus wollte die Kunde bringen, dass das Wasserwirtschaftsamt dem
Einleiten der Flüsse wahrscheinlich doch zustimmen wird.
Die verpasste Gelegenheit.
Augias ist über das heimliche Wegziehen des Herkules sehr
erleichtert. Augias tröstet nunmehr seinen Sohn Phyleus. Er sagt
doppeldeutig: "Herkules ist zwar die einmalige Gelegenheit, die
irgendwann kommt, aber auch wieder geht." Er gibt weiterhin zu
bedenken: "Eine wirkliche Demokratie in Elis kann sehr
gefährlich werden. Deshalb muss man schon Angst vor der eigenen
Courage haben, wenn man bestimmte Reinigungspläne fasst".
Der Gewohnheitsmensch will nichts als Ruhe.
"Denn ein erfolgreicher Oberausmister bleibt allzu leicht auf Dauer
im Land!" Das ist die verständliche Befürchtung von
König Augias. Er will lieber König über den Mist bleiben.
"Ich will dir als Ausgleich etwas hinter meinem Hause zeigen",
sagt er zu seinem Sohn. "Da ist mein schöner kleiner Garten mit
Blumen und fruchtbarer Erde. Die Erde habe ich sogar aus dem Mist
gewonnen. Ich für meine Person bin Politiker, mein Sohn, aber ich
bin kein Held. Ich gebe dir einen guten Rat: Wage hier in Elis
weiterhin, mitten im Mist zu leben, das ist die Heldentat, die ich auf
deine Schultern legen will!"
Es bleibt alles beim Alten.
Damit endet das Stück nach der Methode von Dürrenmatt. Er
spannt seine Leser und Zuschauer gleichsam auf die Folter. Der
Betrachter steht vor einer Atmosphäre der Aussichtslosigkeit, weil
das Weltgetriebe - wie es Dürrenmatt zu recht sieht - als
unveränderlich dargestellt wird. Das gilt so lange, solange beim
Menschen zu wenig Bewusstsein entwickelt ist.
Schlussbetrachtung.
Ganz gewiss will Dürrenmatt vordergründig das Bewusstsein der
schlafenden Gesellschaft wecken. Denn er prangert zunächst die
politisch-gesellschaftlichen Situationen an. Aber ist das wirklich
alles? Sicher nicht. Wir können aus dem Stück ein noch
tieferes Anliegen - für den einzelnen Menschen - herauslesen. Das
ist Sache der Betrachtung:
1. Wie schwer ist es doch, Selbsterkenntnis im tieferen Sinne zu
gewinnen! Denn im "System Mensch" sind durch die karmische
Vergangenheit viele Sperr- und Auslenkmechanismen eingebaut, die das
Vordringen zu immer tieferer Einsicht verhindern wollen.
2. Vor allem aber sind die meisten Menschen nicht bereit, dass sich im
eigenen Inneren etwas fundamental ändert. Denn sie kennen den in
ihnen vorhandenen spirituellen Anknüpfungspunkt nicht. Wer die Welt
kennt, weiß: Königsein ist gefragt nach den
Maßstäben des Ich. Das Augias-Ich will in einem Reich der
Bequemlichkeit herrschen, wo alles beim Alten bleiben soll. Nichts darf
bereinigt und angetastet werden, auch wenn sich der Mist nicht mehr
verbergen lässt.
3. Jeder Mensch verfügt aber im Inneren über latente, sehr
edle Kräfte, die ihn befähigen können, einen ganz anderen
Lebensgang einzuschlagen. Aber diese Herkuleskräfte werden
unbedacht leicht vergeudet und fristen oft ein jämmerliches Dasein
im Kreidekreis des Lebens, im Zirkus Tantalus.
4. Der Mensch soll sich bewusst machen, wie leicht die höhere
Lebenschance vertan ist. Wenn sie nicht genutzt werden, ziehen sich die
Herkuleskräfte wiederum aus der Lebensbahn zurück. Diese edle
Kraft muss dann wegen der hartnäckigen Zurückweisung gewiss
noch schwierigeren Umständen in künftigen Lebensrunden
entgegensehen, wie dies im Stück am Beispiel der Stymphalischen
Vögel angedeutet wird. Im höchsten Sinne sind die heiligen
Kräfte niemals dazu bestimmt, ein Clown-Dasein zu fristen im Zirkus
Tantalus.
5. Es geht darum, dass König Augias sein "Spielchen" ein
für allemal beendet, zurücktritt und die höhere
Entwicklung durch ehrliche Reinigungsbereitschaft unterstützt.
Historische griechische Abbildungen